Orthoriel cor Alrisha und Jondalrun cor Zibal

Erlebnisse ob allein oder mit der Gruppe / Gilde

Orthoriel cor Alrisha und Jondalrun cor Zibal

Beitragvon Lyros » 20.01.2011 19:42

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Diese Geschichte ist ein Gemeinschaftsprojekt von Tirah und mir,
viel Spaß beim Lesen.
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Orthoriel cor Alrisha

- Erwischt -

Vorsichtig schlich sich Orthoriel durch die dunklen Gänge der Burg. Es war schon spät und es patrouillierten nur noch die Wachen im Burghof und auf den Zinnen. Zu ihrem Glück brannte nur jede zweite Ampel und tauchte die Korridore in ein geheimnisvolles Zwielicht. Nur noch ein paar Meter und sie war nahe genug am Schlafgemach, um die Gespräche der beiden Elben besser verstehen können.

„… kann das nicht weiter gehen. Wir brauchen Frieden in unseren Landen. Weiß eigentlich noch jemand, der lebt, warum es zu dieser Fehde zwischen dem Haus Zibal und uns gekommen ist? Reichen nicht schon Tiefentrolle und Menschen? Nein, wir müssen, ‚Der alten Tradition genüge tun’. Warum, ich kenne die Zibals nicht einmal näher.“, hörte sie die vertraute, tiefe, raue und brummige Stimme ihres Vaters, der den letzten Satz mit verstellter Stimme gesprochen hatte.

„Und dann noch der Krieg mit den Menschen.“, zornig schritt er auf und ab.
„Elon, soweit mir bekannt ist, ist dieser Krieg nun beigelegt und die Friedensverhandlungen sind ebenfalls erfolgreich abgeschlossen.“, sagte eine Frau mit sanfter, aber sehr bestimmter Stimme. „Mutter“, dachte Orthoriel, sie war immer die Ruhe selbst und immer wenn Mutter Vater beruhigen wollte, sprach sie ihn mit dem Vornamen an. Ein Lächeln huschte über Orthoriels Gesicht.

Sie blickte ein wenig weiter um die Ecke und sah das ernste Gesicht ihres Vaters. Ihre Mutter saß neben der Wiege ihres Bruders, Thendrîmin, und sang leise eine Weise, während ihr Vater weiter über die Trolle, den Krieg und die Menschen schimpfte.

Sie mochte dieses Lied sehr gerne. Mutter hatte es ihr oft vorgesungen und wenn sie auf ihren Bruder aufpasste, sang sie es ihm ebenfalls vor. Leise sang Orthoriel das alte elbische Lied mit.

“There was a time, now far away
That now belongs to yesterday
But late at night if you believe
There are still parts you can retrieve

Beyond our memories
Past where the eyes can see
Well disguised
Waiting there, dream devised

Safe from time's endless reach
Everything a child can teach
What to keep, what to save
When to dare an ocean's wave

There among life's memories
Remnants of a lullaby and thee

There was a time, now long before
We found a way to close each door
But in our minds through labyrinths deep
Late in our lives, those doors we seek

And in our fantasies
We try to find the keys
Reach the stairs
Follow them, each to where

Scattered there on the ground
Everything lost is found
Wished on coins, childhood wings
Carousels still turning

Waiting there patiently
Remnants of a lullaby and thee”



Sie hielt inne, als Vaters Stimme wieder energischer wurde, er die Lautstärke er aber deutlich senkte. Sicher hatte Mutter ihm ein Zeichen gegeben, denn ihr Bruder schlief sicher schon.

“Lass uns wenigstens Orthoriel nach Tejat schicken, es wird Zeit, dass sie unter Aeglossons Fittiche kommt. Zum Einen wäre sie dort in Sicherheit und zum Anderen muss sie endlich lernen, was leben heißt. Viel zu wohlbehütet wächst sie hier auf. Sie sollte schleunigst aus dem Daunenkasten hervorgeholt werden. Sie muss Alrisha endlich verlassen und die Welt kennen lernen.“
„Ach, Elon“, seufzte sie, „es ist wohl wirklich an der Zeit. Ich werde gleich morgen früh ein Schreiben an Aeglosson senden.“

Völlig überrascht von dem eben gehörten, entfuhr ihr ein leises „Oh!“. Im selben Augenblick hielt sie sich mit der rechten Hand den Mund zu und presste sich an die dunkle Granitwand. Stille. Sie lauschte angestrengt und glaubte schon, taub geworden zu sein. Neugierig schob Orthoriel den Kopf um die Ecke, waren ihre Eltern einfach gegangen? Noch ehe sie diesen Gedanken zu Ende gedacht hatte, packte sie eine kräftige Hand im Nacken und zog sie unsanft hervor.

„Aha, wen haben wir denn hier?“, fragte ihr Vater grimmig. „Ich hoffe, Aeglosson bringt ihr auch noch die richtigen Manieren bei. Unsere Versuche sind wohl kläglich gescheitert.“
„Ich, wollte nicht.“, stammelte sie.
„Meine liebe Orthoriel!“, sagte Mutter sehr ruhig. Wenn sie so sprach, dann wurde es wirklich ernst, dass wusste Orthoriel nur zu gut. Also schwieg sie lieber und schaute auf ihre Füße.
„Das ist doch wohl nicht zu glauben. Meine Tochter schleicht sich wie ein Dieb an uns heran, um uns zu belauschen.“, kamen leise und kristallklar die Worte über Mutters Lippen. Doch für Orthoriel waren sie derart schneidend, dass es beinahe schmerzte. Jetzt stand sie sogar auf.

„Ich wollte zwar Deinem Vater noch einige Argumente gegen Deine Abreise nach Tejat vorbringen, doch Du hast mir meine Zweifel genommen. Danke mein Kind!“
Die folgende Stille war für Orthoriel erdrückend. Vorsichtig schaute sie zu Vater hoch und sein gütiges Gesicht und seine brummende Stimme beruhigten sie ein wenig. Sie liebte ihren Vater, er war vielmehr ein guter Freund als ein strenger Vater gewesen. Und nun war er es, der Mutter mit dem Vornamen ansprach.
„Neadrie“, lächelte er, „lass uns drei morgen früh noch einmal reden. Wir sollten zu Bett gehen.“
„Du hast Recht, mein Lieber.“

Blitzte in Vaters Gesicht ein kurzes aufmunterndes Lächeln auf? Er schob sie in den Korridor und begleitete sie zu ihrem Gemach.
„So, meine Lieblingstochter“, klang angenehm seine Stimme, so dass Orthoriel wieder Mut fasste und ihre übliche Antwort gab.
„Du hast doch nur eine Tochter!“
„Da hast Du aber ein Glück, da bleibt meine ganze Liebe für Dich allein.“
„Ähm, Ada! Da ist noch Thendrîmin!“, raunte sie ihm mit aufgesetzter, ernster Mine zu.
„Der ist doch mein Sohn, ihm bleibt meine ganze ‚Sohn-Liebe’“, lachte Elon.

Sein Lachen glich dem Klang einer großen alten Bronzeglocke und all ihre Sorgen waren hinfort geweht. Sie nahm ihren Vater in den Arm und er drückte sie. Wie wohl das tat. Er stützte sich auf ein Knie, küsste ihre Stirn und brummte,
„Gute Nacht, Hoheit, ich wünscht wohl zu ruhen.“
„Habt Dank, werter Edelmann“

Dann schlenderte ihr Vater durch den Korridor davon.

Der nächste Morgen begrüßte die kleine Stadt Alrisha mit schönsten, blauen Himmel, den die Natur hervorzubringen vermochte. Doch über Orthoriel hingen düstere Wolken der Vorahnung. Pünktlich erschien sie zum Frühstück in der großen Halle. Ihre Eltern saßen bereits am Tisch und sie begrüßte beide herzlich, wobei ihr Vaters Sorgenfalte auf der Stirn nicht entgangen war.

Still wurde das Frühstück eingenommen und als alles wieder abgeräumt war, deutete Mutter ihr, sitzenzubleiben.
Hilfesuchend schaute sie zu Vater, der ihr aufmunternd zulächelte.

„Orthoriel, ich habe gestern Abend noch lange mit Deinem Vater geredet.“, verkündete Neadrie mit ruhiger Stimme. „Wir haben uns entschieden, Dich nach Tejat zu schicken. Dort wirst Du bei Aeglosson untergebracht und je nach seiner Einschätzung, ausgebildet werden.“

Der Schreck fuhr durch ihre Glieder. Sie schaute in Vaters trauriges Gesicht und wusste, dass die Abreise schon bald sein würde.
„Und wann soll ich euch verlassen?“, fragte sie mit tränenerstickter Stimme.
„Schon morgen. Ein Gesandter von Aeglosson ist in der Stadt und wird Dich mitnehmen.“

Sie wäre am liebsten aufgesprungen und hätte sich in Vaters Armen verkrochen, doch sie wollte beweisen, dass sie sich unter Kontrolle hatte.

Der Tag verging schnell, viel zu schnell. Die Reisevorbereitungen nahmen Orthoriel sehr in Anspruch. Ein letztes Mal spazierte sie mit Vater am Waldrand und hier in aller Abgeschiedenheit ließ sie ihren Gefühlen freien Lauf und beweinte in Elons Armen ihr Unglück.
„Mir gefällt es auch nicht sehr, doch Du musst lernen, auf eigenen Beinen durchs Leben zu gehen. Aeglosson ist ein guter und sanftmütiger Elb, auch wenn er nach Außen wie eine knorrige Eiche wirkt.“

Schweigend kehrten sie in die Burg zurück und Orthoriel hoffte auf ein Wunder.

Den Abend verbrachte Orthoriel mit ihrem Vater in der großen Bibliothek. Vater rauchte eine Pfeife und las in einem alten Buch. Zwischendurch nippte er an seinem Glas Wein. Orthoriel starrte schon eine ganze Zeit auf dieselbe Seite in ihrem Buch und rührte auch ihren Wein nicht an. Elons sanfte, brummige Stimme ließ sie ein wenig zusammenzucken.

„Orthoriel, nun sei doch nicht so traurig. Wir schicken Dich doch nicht in die Trollhöhlen. Tejat ist die größte Stadt in Hilos und es gibt dort sicher eine Menge gut aussehender Elben“
„Einen Mann finde ich auch hier in Alrisha“, brummelte sie.
„Und viele neue Eindrücke erwarten Dich dort, bist Du denn gar nicht neugierig?“
„Nein“, knurrte sie nur.
„Du kannst bei Aeglosson lernen, wie Du einen Eichengeist beschwörst, vielleicht sogar einen Zentauren“. Seine Augen blitzten auf, als er sie über das Buch hinweg anschaute.
„Meinst Du wirklich?“, fragte sie, sichtlich bemüht, ein Lächeln zu verbergen. Elon erkannte aber das Leuchten in ihren Augen.
„Sicher, er ist der beste Bewahrer und Lehrmeister, den ich kenne. Du wirst schon sehen“

Elon nahm einen Schluck Wein, stand auf und ging zu den Bücherregalen. Nach einigem Suchen, zog er ein schmales, in Leder gebundenes Buch heraus und gab es Orthoriel.
„Das möchte ich Dir schenken. Ich bekam es einst von meinem Vater. Eine kleine Abhandlung über die Geister eines Bewahrers. Eichengeist, Naturkristall, Eichengänger und Zentauren sind dort genau beschrieben und“, er machte eine kleine Pause, „meine Anmerkungen zu den Kapiteln werden Dich immer an mich erinnern.“
Ihre Augen füllten sich langsam mit Tränen und beinahe tonlos sagte sie, „Ich brauche kein Buch, Du wirst immer an erster Stelle in meinem Herzen sein.“
Vater blies einen Rauchkringel und lächelte sie an.
„Warte nur, bis Du in Tejat einen jungen, hübschen Elb gefunden hast, dann werde ich schon ganz von ganz allein auf die niedrigen Plätze rutschen.“
„Niemals, die können mir alle gestohlen bleiben.“, sagte sie mit ernstem Gesichtsausdruck.
Elon stand lachend auf, küsste sie auf die Stirn und an der Tür drehte er sich noch einmal um.
„Gute Nacht, meine Lieblingstochter.“

Orthoriel erwiderte nichts und starrte nachdenklich zur Tür. Nach einigen Minuten schüttelte sie den Kopf, trank ihren restlichen Wein und ging zu Bett.

Der Morgen der Abreise war genauso schön, wie der vorige, nur für Orthoriel schien er viel dunkler. Neadrie stand mit Thendrîmin im Arm im Portal des Hauptgebäudes und wirkte kühl und einen Hauch abweisend wie immer. Vater war jedoch bis zum Pferd mitgekommen, umarmte sie herzlich und schaute so traurig, dass es Orthoriel in der Seele schnitt, wie eine glühende Klinge auf nackter Haut. Sie klammerte sich regelrecht an den Hals ihres Vaters.
„He! He! Du willst mich doch nicht noch erwürgen.“, raunte er ihr ins Ohr. Seine raue, brummige Stimme hatte auch dieses Mal seine Wirkung nicht verfehlt. Ein kleines Lächeln huschte über ihr Gesicht.
„Als ob ich einen Bären erwürgen könnte.“, kamen ihr mühsam die Worte über die Lippen und ein schiefes Lächeln sollte von ihren Tränen ablenken.
Elon lachte.
„Nun auf, holde Maid, hier ist Euer Bogen.“, rief er laut und schaute ihr aufmunternd ins Gesicht. Orthoriel kontrollierte noch einmal die Satteltaschen, schulterte den Bogen und saß auf.
„Cuio vae, Ada“, und noch einmal laut in Richtung Neadrie, „Cui vae!“
Mutter nickt kurz und winkte ihr zu. Sie beugte sich noch einmal vom Pferd herab.
„Ich schreibe Dir jeden Tag, Ada!“
Elon grinst breit, „ich werde jeden Brief sofort beantworten und nun los. Lass den Gesandten von Aeglosson nicht warten. Cuio vae, iel nîn“

Traurig trabte sie aus dem Burghof, traf auf dem Markplatz den Gesandten und sie ritten in Richtung Asterion davon. Am späten Abend erreichten sie die Stadt und rasch war ein Gasthaus gefunden, wo sie übernachteten. Gesprochen wurde nicht viel, über das Wetter, die schöne Landschaft, aber nichts von Bedeutung. Orthoriel war viel zu sehr in Gedanken versunken.
Am nächsten Morgen ritten sie weiter und Tejat war am Abend erreicht. Nachdem sie ihr Pferd versorgt hatte, ließ sich Orthoriel in der Abteilung der Novizen einschreiben und ihr wurde ein Quartier zugewiesen. Alle waren sehr freundlich und hilfsbereit, sie vergaß beinahe ihr Heimweh, doch als sie spät am Abend auf ihrem Bett saß und in Vaters Buch blätterte war sie den Tränen wieder nah.

Orthoriel lebte sich schnell ein und sie sog förmlich das Wissen auf. Bald waren auch Freundinnen gefunden, die ebenso eifrig lernten und es stellte sich heraus, dass sie ebenfalls schnell wieder nach Hause wollten. Die ersten Prüfungen kamen und wurden mit Bestnoten bestanden. Ihr Vater war sehr stolz und schrieb ihr tatsächlich auf jeden von ihren Briefen einen zurück. Sie wollte unbedingt einen Zentauren beschwören können und arbeitete hart an sich.

Gut gelaunt schritt Orthoriel nach dem Mittagessen in Richtung Schießplatz. Ihren Bogen auf dem Rücken, kramte sie gerade in ihrem Beutel nach dem Handgelenksschutz. Sie hatte ihn schon ertastet, als sie plötzlich mit einem Elben, der rasch um die Ecke bog, zusammenstieß.
Tearl denkt in den Menschen, träumt in den Dichern und schläft in den übrigen Wesen.
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Re: Orthoriel cor Alrisha und Jondalrun cor Zibal

Beitragvon Tirah » 20.01.2011 19:44

Jondalrun cor Zibal

Der Weg nach Tejat

„Du wirst dieses Mädchen nicht wiedersehen!“ donnerte die Stimme von Alagon cor Zibal. Wütend funkelte er seinen jüngsten Sohn an. Der jedoch dachte gar nicht daran, klein beizugeben. „Ada, ‚das Mädchen’ heißt Jorina. Sie hat nämlich einen Namen. Und wir sind einfach nur Freunde, das ist alles. Ich will sie weder heiraten noch schwängern.“

Besorgt blickte Evernielle ihren Ehemann an, zu gut kannte sie Alagons aufbrausendes Temperament und im Augenblick sah er aus, als wäre er einem Herzanfall nahe. Der spöttische Tonfall seines Jüngsten tat ein Übriges. Sie seufzte. Wenn nur nicht beide solche Sturköpfe wären! Aber schließlich lag die Sturheit in der Familie und alle drei Söhne hatten sie geerbt. Wenn sich die Männer dieser Familie etwas vorgenommen hatten, konnte nichts und niemand sie davon abbringen. Und das galt auch, wenn sie sich im Recht wähnten.

„Diese Jorina hat Beziehungen zum Hause cor Alrisha und ich wünsche keinerlei Umgang mit diesen… Leuten.“ Alagon verschränkte die Arme und sah seinen Sohn herausfordernd an. Jondalrun verschränkte ebenfalls die Arme und starrte zurück. Gerade wollte Evernielle beruhigend einschreiten, als ihr Schwager in der Tür stand. Belustigt schaute Jamoth seinen Bruder und seinen jüngsten Neffen an: „Geht es darum, wer am längsten ernst bleiben kann? Darf man mitmachen?“ Er lachte laut. Jondalrun grinste: „So ein Pech, Onkel Jamoth, du hast gerade verloren.“ Und schon nutzte er die Gelegenheit, an seinem Onkel vorbei zu verschwinden.

Auch Tage später noch war Alagon gereizt und mürrisch. Alle Versuche, ihn aufzuheitern, scheiterten und Jondalrun ging seinem Vater von vornherein aus dem Weg. Dabei ließ er jedoch keinen Zweifel daran, daß er den Kontakt zu Jorina keinesfalls aufzugeben gedachte. Evernielle hütete sich, sich einzumischen; das sollten die beiden Sturköpfe schön alleine regeln. Einer kleinen Wette mit ihrem Schwager jedoch war sie nicht abgeneigt und so wettete sie, daß Jondalrun die Auseinandersetzung gewinnen würde, während Jamoth eher auf seinen Bruder setzte.

Zu dumm nur, daß Alagon auf eine gänzlich andere Idee verfiel: er setzte Jondalrun davon in Kenntnis, das dieser umgehend nach Tejat aufbrechen müsse. „Es ist eine Nachricht vom Hofe eingetroffen, mein Sohn. Du wirst Deine Ausbildung zum Bewahrer abschließen. Niemand anderes als der Oberste Bewahrer des Reiches, Aeglosson, hat Interesse an Deinen Fähigkeiten gezeigt. Erweise Dich des Hauses cor Zibal als würdig und Dir wird eine Stellung bei Hofe sicher sein.“
Jondalrun nickte. „Ja, und Du kannst sicher sein, daß ich Jorina nicht wiedersehen werde, nicht wahr? Geschickt eingefädelt, Ada. Welchen Deiner Freunde bei Hofe hast du um diesen Gefallen gebeten?“ Alagon lief rot an und wollte zu einer geharnischten Antwort ansetzen, doch Jondalrun winkte ab: „Keine Sorge, ich werde gehen und ich werde der Familie Ehre machen.“

Evernielle hatte nicht vor, ihren Jüngsten kampflos ziehen zu lassen, schließlich war er ihr Nesthäkchen, doch weder sie noch Jamoth, den sie zu Hilfe gerufen hatten, konnten Alagon umstimmen.
„Du schickst deinen Sohn fort, nur weil er ein Mädchen kennengelernt hat? Erinnerst du dich eigentlich noch, wie verrückt du damals nach dieser Kleinen - wie hieß sie noch? - “ Alagon warf einen schnellen Seitenblick auf seine Frau und unterbrach Jamoth. „Das ist erstens schon Jahrhunderte her und tut zweitens gar nichts zu Sache. Dieses Mädchen hat Kontakte zum Hause cor Alrisha und das werde ich nicht dulden! “
Jamoth verdrehte die Augen. „Du kennst doch niemanden von den Alrishas. Diese Familienfehde, auf der du dauernd herumreitest, ist doch wohl schon lange verjährt. Oder kannst du mir vielleicht den Ursprung erklären? Siehst du!“
„Das tut nichts zur Sache. Die Alrishas sind hinterlistige Verräter, man kann ihnen nicht trauen. Jondalrun geht nach Tejat und wird seine Ausbildung abschließen. Anschließend wird er in Aeglossons Dienste treten, das ist mein letztes Wort!“ Türenschlagend verließ er den Raum, während Evernielle und Jamoth sich bedrückt anschauten.

Jondalrun fand es nicht schlimm, Zibal zu verlassen und in die Hauptstadt zu gehen. Jorina war tatsächlich nur eine Freundin für ihn und nicht die große Liebe, es war ihm lediglich ums Prinzip gegangen. So einfach ließ er sich von seinem Vater nicht herumkommandieren. Sein älterer Bruder Golwenor befand sich schon länger bei Hofe und war dort dem Obersten Druiden Iorthon eine große Hilfe. Er hatte eine ausgesprochen ruhige und ausgeglichene Art, wußte allerdings seinen Kopf stets durchzusetzen. Jondalrun grinste flüchtig: Es war wohl doch etwas dran am berüchtigten Starrsinn der cor Zibals.

Tejat selbst fand er überwältigend und war froh, daß Golwenor ihn in Empfang nahm und herumführte. Abends im großen Saal konnte er kaum essen, soviel gab es zu schauen. Golwenor rammte ihm den Ellenbogen in die Seite: „Mach den Mund zu, du Landei. Man könnte meinen, du hättest noch nie etwas anderes als Kühe und Schweine gesehen, die Leute schauen schon her.“ Tatsächlich sah besonders eine Person zu ihnen herüber: eine junge Elbin, die Augenbrauen spöttisch erhoben. Als Jondalrun ihr zunickte, drehte sie sich hochmütig um und verließ den Saal. Nachdenklich schaute Jondalrun ihr nach, dann fragte er seinen Bruder: „Kennst du die Kleine?“ Der runzelte die Stirn. „Das ist auch eine Bewahrerin, die hier ihre Ausbildung abschließen wird - aber wenigstens kann sie sich benehmen.“

Aeglosson erwies sich als barsch und unfreundlich und Jondalrun war froh, als er das Amtszimmer wieder verlassen konnte. Im Grunde hatte Aeglosson ihm nichts Neues erzählt: er sollte seine Ausbildung als Bewahrer fortführen und nach einer abschließenden Prüfung, die bald stattfinden sollte, würde man sehen, ob Jondalrun für den Dienst bei Hofe geeignet wäre. Frohen Mutes machte er sich auf den Weg zu Cúion, der ihm das Bogenschießen beibringen sollte - als ob er darin noch Unterricht bräuchte! Fröhlich pfeifend achtete er nicht sonderlich auf das Geschehen um ihn herum, als er mit einem Mädchen zusammenstieß, das ihn mit allerlei unfreundlichen Bezeichnungen bedachte. Wenn das nicht die junge Elbin vom Vorabend war…
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My recurring fantasy about libraries is that at night, after everyone goes home, the books come to life and mingle in a fabulous cocktail party. (Neal Wyatt)
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Re: Orthoriel cor Alrisha und Jondalrun cor Zibal

Beitragvon Lyros » 22.01.2011 18:16

Orthoriel cor Alrisha

- In der Dunkelheit -


„Pass doch auf, Du Trottel!“, fuhr Orthoriel den Elben an.
„Wer die Nase in seinen Beutel steckt und nicht schaut wohin er geht, darf sich nicht beschweren.“
„Das ist ja wohl eine Frechheit. Ich werde Dir zeigen wie ich mich beschwere“. Mit ein paar Gesten war ihr Eichengeist beschworen. „und jetzt entschuldige Dich gefälligst und dort liegt mein Handschutz.“
Der Elb machte ebenfalls einige Gesten und sein Eichengeist erschien, „Ha! Was Du kannst, kann ich schon lange!“

Doch noch ehe sie ihre Kräfte messen konnten stand Aeglosson neben den beiden Streithähnen und donnerte, „Ich dulde hier keine Streitigkeiten! Ich sollte euch in die Trollhöhlen schicken! Hinfort mit den Eichengeistern.“
Ohne ein Wort bannten die beiden ihre Eichengeister. Nach einer kurzen Pause zeichnete sich ein Lächeln auf Aeglossons Gesicht ab, „Nein, ich werde euch in die Höhlen schicken und zwar auf Patrouille.“
Nun wurden die Beiden noch blasser und starrten Aeglosson an. Der wandte sich an eine Wache, „Holt mir sofort Dellari her!“
Die Wache begann zu stottern, „Verzeiht, geehrter Aeglosson, sie steht hinter Euch.“
Aeglosson wirbelte herum und tatsächlich stand die Elbe zwei Meter hinter ihm. Er tat einige Schritte in ihre Richtung, „Dellari? Habt Ihr einen Moment Zeit?“
Die mittelgroße, kräftige Elbe kam mit einem freundlichen Lächeln auf Aeglosson zu. Sie war in Leder gerüstet und trug einen kostbaren Bogen auf dem Rücken. Sie war auf dem Weg zur Unterrichtung der Schüler. Orthoriel wusste, dass Dellari für die Wachen und Patrouillen verantwortlich war. “Er meint es tatsächlich ernst“, schoss es Orthoriel durch den Kopf.
„Mae govannen, Aeglosson. Gibt es Ärger?“. Sie schaute kurz zu den beiden jungen Elben, lächelte aber immer noch freundlich.
„Mae govannen, Dellari. Ärger gibt es immer mit diesen Heißspornen. Diese beiden hier halten sich für besonders mutig. Darum möchte ich gerne, dass Ihr sie für die Patrouille in der Vengas-Trollmine einsetzt.“
„Aber dort gibt es …“, setze Dellari an.
„Das macht nichts, die Schüler sind dazu in der Lage. So schön, wie sie ihre Geister beschwören können.“, fiel Aeglosson ihr ins Wort.
„Achso“, begann Dellari, blickte Aeglosson fest in die Augen und als dieser mit einem leichten Nicken antwortete, fuhr sie mit grimmiger Miene fort, „das trifft sich sehr gut. Zwei meiner Leute sind in der letzten Nacht verletzt worden, da kann ich Ersatz gut brauchen. Meldet euch heute Abend zur achten Stunde am Nord-Tor“.
„Aber“, begann Orthoriel.
„Danke, ihr könnt zum Training abtreten“, fauchte sie Aeglosson an, zog Dellari mit sich und verschwand um die nächste Gebäudeecke.

„Das hast Du prima hinbekommen“, knurrte sie den Elben an, „wie heißt Du überhaupt?“
Der Elb machte eine perfekte Verbeugung, wie es am Hofe üblich war, aber nicht so eine wie ein Untergebener, nein, wie ein Fürst. Orthoriel staunte und schaute in seine kastanienbraunen Augen.
„Jondalrun werde ich gerufen“, antwortete er, akzentfrei, so dass sie nicht erahnen konnte wo seine Heimat war.
„Darf ich jetzt Euren Namen erfahren?“
„Ich werde Orthoriel gerufen“. Sie machte einen höflichen Knicks, wie sie es zuhause gelernt hatte.

Den Rest des Training wechselten sie kein Wort mit ihm. Sie schaute aber immer wieder zu Jondalrun und dachte sich, dass er wohl doch kein Landei sei und schmunzelte. Das Training verging heute wie im Flug.
„Dann sehe ich Euch später am Tor?“, fragte Jondalrun und riss sie aus ihren Gedanken.
„Ja. Und, ähm, wollen wir nicht beim Du bleiben?“, lächelte sie ihn an.
„Gerne“, sagte er in der leichten Verneigung. „Wenn Du lächelst, bist Du noch viel hübscher“.
Mit hochrotem Kopf stand sie da und schaute dem Davoneilenden nach.

Die achte Stunde rückte näher und Orthoriel legte sich ihre Kettenrüstung an, überprüfte den Bogen, schnallte sich das Schwert um und machte sich zum Nord-Tor auf.

Dellari, Jondalrun und eine weitere Elbe standen bereits am Wachhäuschen.
„Mae govannen“, begrüßte sie die Anwesenden und schaute neugierig zur Unbekannten. Noch jemand, der Aeglosson die Laune verdorben hatte?
„Das ist Corri, sie führt den Trupp.“
Orthoriel nickte Corri zu, „Trupp? Wo sind die Anderen?“, fragte sie zögerlich
Dellari lachte, „Ihr drei seid der Trupp. Corri weiß was zu tun ist, sie ist eine meiner besten Bewahrer. Dann wünsche ich gutes Gelingen und seid vorsichtig!“.
Dellari verschwand im Wachhaus und Corri reichte den beiden ein Töpfchen mit Bergteufelpaste. Orthoriel und Jondalrun schauten fragend.
„Reibt euch damit ein, auch die Haare, damit unser Geruch überdeckt wird. Die Trolle sehen zwar nicht sehr gut, dafür riechen sie uns schon auf 300 Meter.“
„Auch die Haare?“, rief Orthoriel entsetzt, „das bekomme ich die nächsten Jahrhunderte nicht mehr aus den Haaren.“
„Natürlich lässt sich die Paste mit klarem Wasser ganz leicht wieder auswaschen. Los jetzt!“, befahl Corri. Sie verspürte offensichtlich keine Lust, mit den Grünschnäbeln auf Patrouille gehen zu müssen.
„Wirklich, meine Haare nehmen alle Farbstoffe auf Dauer auf. Ich hatte in meiner Jugend einmal Bittergrassaft ins Haar bekommen…“
„Soll ich Aeglosson benachrichtigen, dass Ihr nicht an der Patrouille teilnehmt, weil es um Euer Haar geht? Wenn Ihr Angst um Euer Haar habt, dann solltet Ihr überlegen, vielleicht eine Druidin oder Kräuterhexe zu werden.“, blitzte Corri sie an. Orthoriel blieb die Entschlossenheit in Corris Gesicht nicht verborgen und so schmierte sie sich mit der Paste ein. Da Corri bereits schlechte Laune hatte, fügte sich Orthoriel. Die Ausbildung durfte auf keinen Fall durch einen verärgerten Aeglosson unnötig in die Länge gezogen werden.

So marschierten sie los, jeder mit einer Blendlaterne in der Hand.
„Sollen wir nicht die Geister beschwören?“, frage Orthoriel, da Corri keinerlei Anstalten diesbezüglich machte, als der Eingang zur Mine in Sicht kam.
„Nein, die Geräusche der Eichengeister verrieten uns.“, war die knappe, aber höfliche Antwort.
Sie hatten die ersten Ausläufer der Cutum Berge erreicht. Der schwarze, glitzernde Fels ragte vor ihnen auf. In dieser schwarzen Wand klaffte ein noch dunkleres Loch, der Eingang zur Mine. Ein fauliger Geruch aus der Höhle, mischte sich mit dem Duft des Waldes. Corri marschierte mürrisch zum Eingang. Ohne Zögern lief sie durch den Höhleneingang und der Schein ihrer Laterne begann schon schwächer zu werden, als Orthoriel und Jondalrun sich beeilten, Schritt zu halten.

Der Gestank war überwältigend, irgendetwas verfaulte hier in den Gängen und Kammern. Zu Beginn waren Orthoriel und Jondalrun besonders vorsichtig und machten beim Laufen keinerlei Geräusche. Die Finsternis erdrückte sie beinahe und ein Blick zurück ließ Orthoriel erschaudern, es schien als wäre sie erblindet. Einmal berührte sie die Felswand zu ihrer linken, sie fühlte sich schleimig und glitschig an. Im Schein der Laterne erkannte sie, dass die Wände über und über mit Schimmelpilzen überzogen war.
„Baah!“, entfuhr es ihr und hallte in durch die Gänge. Sofort stand Corri vor ihr und packte sie am Kragen und raunte ihr zwischen den Zähnen hindurch zu, „Was fällt Euch denn jetzt ein, seid Ihr wahnsinnig geworden?“
Corri ließ sie los und deutete, dass es weiter ginge.

Nach fünf Stunden ließ aber die Konzentration nach und hier und da klapperte schon mal ein Schwert. Corri ermahnte sie streng zur Ruhe und den Gesichtsausdruck, mit dem sie es tat, war alles andere als beruhigend. Immer weiter führte sie Corri in die dunklen Gänge. Immer wieder machten sie Halt und lauschten und spähten vorsichtig um die nächste Ecke. Der Gestank wurde merklich geringer, oder gewöhnten sie sich an den Geruch?

Nach weiteren eineinhalb Stunden erreichten sie eine Große Kammer oder Höhle, Orthoriel konnte nur am Eingang erkennen, dass der Stein bearbeitet war. Die Finsternis schien hier nicht so erdrückend wie in den Gängen. Orthoriel schaute sich neugierig um, traute sich aber nicht zu fragen. Unbeirrt lief Corri weiter und sie erreichten nach einigen Metern einen kleinen Bachlauf. Corri setzte sich auf einen Fels und kramte ihren Proviant heraus.

„Ihr habt euch ganz gut gehalten“, stellte sie anerkennend fest. „Wir machen hier Rast. Wasser gibt es gleich hier und löscht jetzt das Licht“.
Orthoriel und Jondalrun suchten sich ebenfalls einen Sitzplatz.
„Das Licht löschen?“, fragte Orthoriel ungläubig.
„Ja, wir brauchen das Öl für den Rückweg.“, war die knappe Antwort, „nun macht schon!“
Kaum war die letzte Laterne verloschen, schimmerte das ganze Gewölbe in einem sanften grünen Licht. Große Kristalle an der Decke verstärkten den Schein der Pflanzen.
Grinsend schaute Corri in die verblüfften Gesichter der beiden Staunenden.
„Das sind Pilze, nicht so ekelige glitschige wie in den Gängen.“
Je mehr sich die Augen an die neuen Lichtverhältnisse gewöhnten, desto mehr Einzelheiten waren zu erkennen.

Sie waren in einer riesigen Halle, die offensichtlich künstlich erschaffen worden war. Viele Säulen stützten das Gewölbe. In der Ferne, vermutlich das Kopfende der Halle, war ein stärkeres Leuchten zu erkennen.

„Was ist dort hinten?“, fragte Orthoriel.
„Das ist ein alter Altar der Zwerge. Sie haben ihn vor 1.500 Jahren aufgegeben. Die Verbindung in ihr Reich haben sie sorgsam verschüttet. Wir können ihn nach dem Essen anschauen. Aber vorher möchte ich von euch wissen, was ihr ausgefressen habt“, forschend schaute sie die beiden an.
„Nun, wir hatten einen kleinen Streit. Nichts von Belang und wir haben unsere Geister beschworen.“, gab Orthoriel zur Antwort und fügte rasch hinzu, „wir wollten aber nicht handgreiflich werden, sondern nur, naja, ein wenig angeben.“
Corri lacht auf, dass es in der Halle nur so hallte.
„Scht!“, sagte Orthoriel besorgt, „Die Tiefentrolle“
Corri lachte weiter, „Wisst ihr“, sagte sie mit einem Lachen in der Stimme, „hier wurden seit mindestens 600 Jahren keine Trolle mehr gesehen. Aeglosson wollte euch eine Lektion erteilen und wenn ihr morgen im Unterricht gegen eure Müdigkeit kämpft, so soll es noch einmal eine Erinnerung an euer Fehlverhalten sein.“
Orthoriel lauschte mit offenem Mund den Worten.
„Nehmt es mir bitte nicht übel, ich handelte auf direktem Befehl von Aeglosson. Doch ich habe euch nie belogen, sprach nie von Trollen.“
„Aber, es steht doch auf der großen Karte in der Bibliothek dass die Vengas-Trollmine gefährlich ist. Ich habe selber das Tollsymbol gesehen.“
„Dann schau später noch einmal ganz genau hin“, lachte Corri, „Aeglosson hat mit einem hauchdünnen Federstrich dieses Symbol durchgestrichen. Glaubt ihr, dass ihr die ersten seid, die hier zur Strafpatrouille hergeschickt wurden?“
„Das ist ungeheuerlich!“, kam es mehr nachdenklich als ärgerlich über Orthoriels Lippen.
„Aeglosson wird euch noch das Versprechen abnehmen, mit keinem der Schüler über die Vengas-Trollmine zu reden.“, grinste sie.
Still aßen sie ihre Ration auf und machten sich danach auf den Weg zum alten Zwergenaltar.

„Es ist weiter als erwartet“, stellte Orthoriel fest, als sie vor dem Steinaltar standen.
„Hier im Zwielicht scheint vieles anders.“, erzählte Corri im Plauderton.
„Ich verrate euch ein Geheimnis“, sie schaute sich geheimnisvoll um, als ob hier noch ungebetene Zuhörer sein könnten.
Sie schaute in die neugierigen Gesichter und schmunzelte, „auf diesem Altar habe ich meinen ersten Kuss erhalten.“
„Wie romantisch, erzähl uns mehr. Habt Ihr ihn geheiratet?“, raunte Orthoriel ihr zu.
„Ja, wir sind seit langer Zeit glücklich verheiratet und haben drei Kinder.“, flüsterte sie.
„Ladrend und ich kommen jedes Jahr her.“, grinste sie, „Ihr könnt ihn später kennen lernen, wenn ihr mich zu meinem Haus begleiteten wollt. Ich gebe dann noch eine Runde Safranlikör aus.“
„Und Eure Kinder?“, fragte Orthoriel eifrig.
„Nein, die schlafen schon, das hoffe ich jedenfalls für Ladend“, sagte sie fröhlich, „die Kleinen können gerade laufen“
„So jung noch? Ja, dann sollte sie schon lange schlafen“, meinte Orthoriel und dachte sich, dass Corri wohl eine gute Seele sei. Sie konnte sich schon die Familie vorstellen und dachte an ihren Vater.
„Hey, Orthoriel, warum schaut Ihr so traurig?“, fragte die stets aufmerksame Corri.
„Ach nichts, ich dachte gerade an Zuhause.“, murmelte sie.
Corri nahm sie in den Arm und eine tröstende Wärme durchflutete sie.
„Ich kann Euch verstehen, mir würden mein Mann und die Kinder sicher auch sehr fehlen. Wartet Zuhause der Liebste?“, fragte sie mit sanfter Stimme.
„Wie? Nein, das nicht. Doch ich habe Heimweh.“, flüsterte sie und schluckte schwer.
Corri drückte sie noch einmal fest.
„So, Patrouille, wir treten den Rückweg an“, verkündete sie mit fröhlicher Stimme.

Sie hatten die halbe Strecke zwischen Altar und Bachlauf zurückgelegt, als Corri plötzlich stoppte und horchte.
„Corri, wir wissen doch…“
Weiter kam Orthoriel nicht, als sie Corris ernstes Gesicht sah und diese ihr bedeutete den Mund zu halten. Stille, nichts war zu hören. Corri bewegte sich vorsichtig in Richtung Höhlenwand. Orthoriel und Jondalrun trauten sich kaum zu atmen.
Langsam, Schritt für Schritt, kam Corri zurück.
„Farbenseher!“, raunte sie.
Orthoriel stockte der Atem, diese Biester hier? Sie kannte die Geschichten um die Farbenseher, einmal von Vater und aus den Büchern der Bibliothek. Ihr Aussehen erinnerte an große Hunde mit kurzem glattem Fell. Sie lebten ausschließlich in den Tiefen der Erde. Zur Tarnung konnten sie die Farbe der Umgebung annehmen. Vater erzählte von einem Farbenseher, den einige mutige Abenteurer ans Tageslicht brachten. Er soll in einem wilden Rausch der Farben gestorben sein. Das gefährliche an ihnen war das starke Gebiss, mit dem sie armdicke Hellebarden durchbeißen konnten und ihre Flinkheit. Es hieß, dass sie nur Farben sehen konnten, die nicht in ihrer Umgebung üblich waren. Ein Eindringling müsste sich also felsgrau kleiden und sein Gesicht ebenfalls färben. Vater meinte aber, dass derjenige dann aber niemals die Augen öffnen dürfe. Orthoriel schüttelte sich.
„Wie viele?“, hauchte sie in Corris Ohr.
Corri hob nur die Hand und zeigte 4 Finger und raunte, „Sehr vorsichtig weiter! Keine Geräusche!“

So bewegten sie sich mit großem Geschick durch die Halle in Richtung Ausgang. Das Plätschern des Bachlaufs war schon zu hören, als vor ihnen plötzlich ein Knurren erklang, dann das trappeln von Krallen auf dem Boden. Es lief für Orthoriel alle wie in Zeitlupe ab. Corri zog mit einem Zischen ihre Klinge, konnte die Waffe aber nur noch hilflos als Deckung verwenden. In einem wilden Knäuel landete Corri und der Farbenseher auf dem Boden. Corris Schmerzensschreie gellten durch die Halle und zerriss wie ein Donnerschlag die Stille.
Ohne auch nur einen Gedanken zu verschwenden hatte Orthoriel ihr Schwert in der Hand und eilte Corri zu Hilfe.
Jondalrun wollte ebenfalls lospreschen, als er hinter sich ein böses Knurren hörte.
Rasch hieb Orthoriel nach dem Farbenseher und sah mit Entsetzen Corris aufgerissen Kehle, aus der pulsierend das Blut gepumpt wurde. Diese Schrecksekunde war zu lang, der Farbenseher wandte sich von seinem Opfer und sprang sie an. Ein stechender Schmerz fuhr ihr durch die Schulter und das Letzte was sie hörte war das knacken von Knochen.
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Re: Orthoriel cor Alrisha und Jondalrun cor Zibal

Beitragvon Tirah » 25.01.2011 20:18

Jondalrun cor Zibal

Eine unerwartete Begegnung



Jondalrun stand schreckensstarr. Allerdings währte diese Starre nur wenige Sekunden, denn Orthoriels Schmerzensschreie brachten ihn nahezu sofort wieder zu sich. Er beschwor in aller Hast seinen Eichengeist. Der würde einem Angriff zwar nicht lange standhalten, aber immerhin die Gegner ablenken und schwächen. Tatsächlich ließ der Farbenseher von Orthoriel ab und stürzte sich auf den Eichengeist, kaum daß dieser beschworen war. Zur Ablenkung rief Jondalrun auch noch sein Begleitertier, einen Fuchs, wohl wissend, daß er den lieb gewonnen Gefährten damit opfern würde. Doch Orthoriel war wichtiger. So schnell wie möglich zog Jondalrun sie in eine dunkle Ecke, wobei er eine Blutspur nicht vermeiden konnte. Für Corri kam jede Hilfe zu spät.
Zwei Farbenseher kämpften mit dem Eichengeist und seinem Begleiter und der Kampf würde nicht mehr lange dauern, zu stark waren die Farbenseher. Und wo waren die anderen beiden Biester, Corri hatte doch vier von ihnen gesehen, oder?
Jondalrun schob die bewußtlose Orthoriel weiter hinein ins Dunkle, bis sie bewegungslos dicht an der Mauer lag und häufte Steinstaub über sie. Dann zog er sein Schwert und machte einen Schritt nach vorn.

Sein Fuchs lag am Boden und es tat Jondalrun weh, die zerfetzten Überreste zu sehen. Auch sein Eichengeist war dem Ende nahe, kämpfte jedoch nach Kräften und hatte tatsächlich einen der Angreifer besiegt. Als Jondalrun sich bewegte, zog er die Aufmerksamkeit des übrigen Farbensehers auf sich. Er ließ vom Eichengeist ab und wandte sich mit funkelnden Augen und geblecktem, blutverschmiertem Gebiss Jondalrun zu. War es Orthoriels Blut oder das des Fuchses?
Im Hintergrund konnte Jondalrun verschwommene Bewegungen ausmachen, anscheinend die übrigen beiden Biester, die näher huschten.

Nun denn. Er straffte die Schultern und stellte sich gerade hin, dabei einen festen Stand suchend, das Schwert in der Hand. Zumindest würde er sich nicht kampflos ergeben, mindestens eines der Biester würde er mitnehmen und mit viel Glück würde Orthoriel entkommen können. Es blieb ihm keine Zeit, einen neuen Eichengeist zu beschwören, schon sprang der Farbenseher ihn an. In letzter Sekunde riß Jondalrun das Schwert hoch, überrascht von der Schnelligkeit und Geschmeidigkeit des Tieres. Mit vollem Gewicht riß es ihn zu Boden und Jondalrun fühlte den stinkenden Atem im Gesicht, während es nach seiner Kehle schnappte. Er bekam den Schwertarm frei und stach ungelenk zu. Wohin er traf, war ihm völlig egal, wenn er sich nur etwas Luft verschaffen konnte. Tatsächlich fuhr der Farbenseher mit einem Winseln zurück, um gleich darauf erneut anzugreifen. Mühsam hob Jondalrun das Schwert und der Farbenseher, der seinen Angriff nicht mehr bremsen konnte, stürzte genau hinein. Zuckend brach er auf Jondalrun zusammen.

Nun aber war die Lage völlig aussichtslos. Einen Farbenseher hatte der Eichengeist besiegt, den zweiten er, jetzt jedoch lag die Leiche auf ihm und drückte ihn zu Boden, während sein Schwert immer noch feststak. Ein dritter Farbenseher war in der Zwischenzeit näher geschlichen. Er wandte sich von den Überresten des Eichengeistes ab und kam knurrend näher. Und auch aus dem hinteren Teil der Höhle waren Geräusche zu hören: noch mehr von den Biestern!

Jondalrun schickte ein Gebet zu den Göttern. Jetzt blieb ihm nur noch, bewegungslos liegen zu bleiben und auf ein Wunder zu hoffen. Er wünschte, er hätte den festen Glauben seines Bruders Golwenor. Wie oft hatte Golwenor ihm geraten, die Götter ernster zu nehmen. Jondalrun glaubte an sie, durchaus. Allerdings war es ein eher praktischer Glaube, der ihm immer dann in den Sinn kam, wenn er sich etwas wünschte. Zum Beispiel, als er seinen ersten Eichengeist beschwor - da hatte er um den Beistand der Götter gebeten. Oder als er im Wald ein stattliches Rentier im Visier gehabt hatte und mit einem einzigen Schuß treffen wollte. Und als er das erste Mal verliebt gewesen war und aufgeregt beim ersten Kuß.
Mit aller Kraft versuchte er, das tote Tier hochzustemmen, doch vergebens. Wie Blei lag der Kadaver auf ihm und er spürte, wie die Kraft ihn verließ.

Der Farbenseher schnüffelte an der Blutspur, die zur Wand führte und Jondalrun starrte ihn ungläubig an. Er durfte Orthoriel nicht finden!
„Hey!“ rief Jondalrun heiser. „Hierher, du Biest, hier gibt’s feines Futter für dich. Komm schon!“ Der Farbenseher knurrte ihn kurz an und wandte sich dann wieder der Schleifspur zu.
„Ich habe gesagt, du sollst herkommen!“ Mit seinem freien Arm fuchtelte Jondalrun herum, bis er einen Stein zu fassen bekam und ihn nach dem Tier warf. Das knurrte ihn jedoch nur an und näherte sich unaufhaltsam weiter der Wand.

Nein, nur das nicht! Jondalrun nahm alle Kraft zusammen und ob es seiner Verzweiflung geschuldet war oder die Götter seine Gebete erhörten: er schaffte es, den Kadaver von sich herunterzuwälzen. Schwankend kam er auf die Beine und griff mit kraftlosen Fingern sein Schwert, das ihm um ein Haar entglitt. Er tat einen Schritt auf den Farbenseher zu und jetzt reagierte der: zähnefletschend stürzte er sich auf Jondalrun, dessen Beine unter ihm nachgaben.
Er sah die funkelnden Augen und das spitze Gebiß, er roch den fauligen Atem und schloß die Augen. „Laß es schnell vorbei sein“ war sein letzter Gedanke, dann kam der Schmerz.

Die Sonne schien und das Gras leuchtete grün. Sein Fuchs spielte auf der Wiese und lockte Jondalrun, ihm zu folgen. In den Wald führte er ihn, wo die Sonne durch die Baumwipfel schien und der Boden weich und grün war. In der Nähe plätscherte ein Wasserlauf und Jondalrun folgte seinem Fuchs immer tiefer in den Wald hinein.
Der Fuchs war ein Geschenk seines Bruders Golwenor gewesen. Vor einigen Jahren, Golwenor war noch in der Ausbildung zum Druiden gewesen, hatte er ihm den Fuchs geschenkt: noch ein Welpe, den die Mutter verstossen hatte. Golwenor hatte ihn im Wald gefunden und mitgebracht und Jondalrun hatte sich mit Begeisterung auf die Aufzucht gestürzt. Seitdem waren die beiden unzertrennlich gewesen. Jetzt folgte Jondalrun ihm voller Vertrauen. Er spürte die Wärme der Sonne und ihr goldenes Leuchten und hörte das Wasser plätschern.

„Vorsichtig, langsam jetzt“ sagte eine Stimme und Jondalrun runzelte die Stirn. Was tat Golwenor hier, er war doch mit dem Fuchs alleine im Wald?
„Ah, er wacht auf. Das ist gut, komm zurück zu uns, Brüderchen.“ Jondalrun schüttelte den Kopf, ohne die Augen zu öffnen. Doch Golwenors Stimme gab nicht nach, er drängelte und schmeichelte, er lockte und beschwor und schließlich öffnete Jondalrun die Augen. Er sah den goldenen Schein des Feuers und spürte seine Wärme und jemand goss Wasser in einen Becher.

Vorsichtig sah er sich um und zuckte zusammen, ihm tat jeder Knochen im Leib weh. „Vorsichtig, du hast ganz schön was abbekommen, Brüderchen“ sagte Golwenor beruhigend. „Aber keine Sorge, wir bringen dich zurück nach Tejat und bald bist du wieder so gut wie neu.“
Beunruhigt sah Jondalrun sich um. „Orthoriel…!“ murmelte er. Golwenor schüttelte traurig den Kopf. Jondalrun starrte ihn an.
„Es tut mir leid… Corri und Orthoriel… du bist der einzige Überlebende. Wir kamen in letzter Sekunde, sonst hätte der Farbenseher auch dich erwischt. Deine Bisswunden werden heilen und ich bin mir sicher, daß du auch von den Rippenbrüchen und dem gebrochenen Bein bald noch kaum etwas merken wirst. Wir brechen gleich auf, je eher wir hier wegkommen, desto besser.“ Unbehaglich sah er sich in der Höhle um.

„Nein, Orthoriel… sie liegt da drüben, in der Ecke, ganz dicht an der Wand…“
Golwenor schüttelte den Kopf. „Glaub mir, sie ist tot. Wir fanden ihre Leiche … und die von Corri.“ Golwenor schluckte.
Jondalrun weigerte sich noch immer, es zu glauben. „Das stimmt nicht. Corri, ja, sie fiel…“ Er schüttelte sich bei der Erinnerung. „Aber Orthoriel, sie war verwundet und ich zog sie in die Ecke dort und bedeckte sie mit Steinstaub, damit die Farbenseher sie nicht sehen konnten. Da, die Schleifspur!“
Golwenor schaute betrübt auf die Blutspur am Boden. „Ja, aber wir haben ihre Leiche dort hinten gefunden“, er wies in Richtung des Zwergenaltars, „….oder das, was von ihr übrig ist“, fügte er kaum hörbar hinzu.
Jondalrun wollte es nicht glauben, konnte es nicht glauben. Und so sehr er auch bat und flehte, war niemand bereit, weiter nach Orthoriel zu suchen. Erst als sie ihm ihre zerrissene, blutige Rüstung zeigten, gab er auf.

Wie betäubt sah Jondalrun bei den Vorbereitungen für den Aufbruch zu und sah kaum auf, als Dellari sich näherte. „Wir haben die Höhle gesichert, die Biester sind fort. Es tut mir leid“, sie schluckte. „Es sollte wirklich nur eine harmlose Strafe sein, wir wußten nicht…“
Jondalrun nickte. „Corri hat es uns erzählt. Sie lachte noch darüber und dann…“ Er verstummte.
„Sie war meine Freundin“, erwiderte Dellari leise und fuhr nach einer Pause fort: „Es war ein Glück, daß Ihr Euren Bruder noch rechtzeitig zu Hilfe rufen konntet.“
Jondalrun sah auf. „Zu Hilfe rufen? Aber ich habe doch gar nicht…“

„Dein Fuchs!“ unterbrach ihn Golwenor. „Wie gut, daß der Kleine so flink ist. Erst war ich ja verwirrt, als er plötzlich vor mir stand, aber er benahm sich so merkwürdig, daß ich gleich wußte, daß dir etwas zugestossen sein mußte. Ich informierte Dellari und wir zogen sofort mit ein paar Mann los. Corri war sehr beliebt und als ihre Kameraden hörten, daß sie vielleicht in Schwierigkeiten steckt, hatten wir im Nu mehr als genug Freiwillige für einen Suchtrupp zusammen. Wir sind sofort aufgebrochen und das keinen Moment zu früh.“
„Mein Fuchs? Aber ich habe doch gar nicht…“ Jondalruns Blick wanderte zu der Stelle, an der sein Fuchs gestorben war, buchstäblich zerfetzt von einem Farbenseher. Lediglich winzige Fellbüschelchen zeugten noch von seinem Tod.
„Doch, es war dein Fuchs“, beharrte sein Bruder. „Ich weiß es genau, ich habe ihn doch an dem eingerissenen Ohr erkannt. ’Schlitzohr’ nennst du ihn doch deshalb. Er wartet draußen vor der Höhle, er war nicht dazu zu bewegen, sie noch einmal zu betreten. Tiere sind eben doch manchmal klüger als wir Elben“, fügte er mit einem Seufzen hinzu.

Jondalrun brüllte fast. „Mein Fuchs ist in dieser Höhle von einem Farbenseher zerrissen worden, ich habe es gesehen. Ich habe ihn nicht geschickt!“
Golwenor zuckte nur mit der Ruhe eines Heilers die Schultern. „Er wartet draußen vor der Höhle, du wirst sehen.“
Doch vor der Höhle wartete kein Fuchs und obwohl Golwenor darauf bestand, daß es genau dieser Fuchs war, der ihn zu Hilfe geholt hatte, fand sich keine Spur von ihm.
Golwenor suchte alles ab und die Männer warfen ihm unbehagliche Blicke zu. Jondalrun sagte ruhig: „Ich habe Fuchs nicht geschickt. Er gab sein Leben für mich in dieser Höhle.“
Schließlich gab Golwenor die Suche auf und nickte nachdenklich. „Ich habe von solchen Fällen gehört, aber sie sind sehr selten. Es kommt vor, daß die Bindung zwischen einem Elben und seinem Begleitertier sehr eng ist, es ist fast, als würden ihre Seelen sich berühren. Ich kann es mir nur so erklären, daß Fuchs in dieser Höhle starb. Im Moment seines Todes jedoch holte er noch Hilfe für dich. Um dich zu retten erschien mir sein Geist. So muß es gewesen sein… ich muß mit Iorthen darüber sprechen, das ist wirklich außergewöhnlich!“

Der Weg zurück nach Tejat war zwar kurz, aber dennoch beschwerlich. Jondalrun spürte auf der Trage jeden Stoß und jede Erhebung. Er dachte an Corri, die lebenslustige fröhliche Corri. Wie sie von ihren Kindern sprach und von ihrem Mann. Dem ersten Kuß am Altar der Zwerge und wie sie mit ihrem Mann jedes Jahr in die Höhle zurückkehrte. Er hörte noch ihr Lachen und sah ihr schelmisches Grinsen.
Am meisten jedoch wanderten seine Gedanken zu Orthoriel. Diese hochmütige Elbe, die es ihm vom ersten Abend an angetan hatte. Stolz war sie gewesen und hitzköpfig. Und schön… wenn sie lächelte, war es, als ob die Sonne aufginge und ihr Gesicht verwandelte sich. Sie war so mutig gewesen, als sie den Farbensehern gegenüber gestanden hatten. Ohne zu Zögern hatte sie sich in den Kampf gestürzt. Wenn sie doch nur mehr Zeit miteinander gehabt hätten…
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- Rettung -

Beitragvon Lyros » 26.01.2011 18:02

Orthoriel cor Alrisha

- Rettung -


„Ich habe gesagt, du sollst herkommen!“
„Wer wagt es, so mit mir zu reden“, dachte Orthoriel, doch als sie sich bewegte, stockte ihr der Atem. Ein pulsierender Schmerz breitete sich von ihrer linken Schulter aus. Der Arm hing schlaff herunter und war nicht mehr zu spüren. Sehr langsam drang die Realität in ihr Gedächtnis. Orthoriel wurde sich bewusst, wo sie war und was geschah. Nur dieser Kommandoton von Jondalrun wollte sich ihr nicht erschließen. Ihre Sinne wurden immer klarer und sie wunderte sich über die Pfütze in der sie saß, in einer klebrigen Pfütze. Sie führte ihre rechte Hand vors Gesicht und roch den eisenartigen Geruch von Blut.

„Ich brauche Hilfe, Jondalrun?“, krächzte sie und hustete vom Staub, der ihr in Mund und Nase gekrochen war. War auch er verletzt? Er konnte sicher nicht mehr laufen, sein Ruf klang verzweifelt. Doch noch bevor sie stand, sackte sie auch schon wieder in sich zusammen. Schwer atmend lehnte sie an der Felswand und wartete, dass die Lichtflecken vor ihren Augen verschwanden, die der stechende Schmerz ausgelöst hatte.

Sie musste unbedingt die Blutung stoppen. Mit der zitternden rechten Hand suchte sie nach ihrem Beutel, als sie in der Bewegung erstarrte. Ein Knurren war von links und gleichzeitig von vorne zu hören. Sie wollte sich an der Felswand abstützen, griff aber ins Leere. Irritiert blickte sie kurz nach rechts und konnte einen kleinen Tunnel ausmachen, der sie wohl, wenn sie kröche, durchließ. Doch was war auf der anderen Seite?

Der Farbenseher von vorne schien plötzlich abgelenkt. „Nein! Jondalrun!“, krächzte sie mühsam. Das Knurren zu ihrer linken wurde lauter. „Er springt gleich“, schoss es ihr durch den Kopf. Sie ließ sich nach rechts fallen und lag bäuchlings vor dem Tunnel. Zahllose Kristalle bedeckten Wände, Boden und Decke und erinnerten Orthoriel an die große Geode auf Vaters Schreibtisch. Der niedrige Gang leuchtete ebenfalls im schwachen grünen Licht der Pilze.

Sie zwängte sich in den engen Tunnel, die scharfkantigen Kristalle stachen in ihre Hand und in die Knie. Immer wieder blieb sie mit ihrer Kettenrüstung an den Kristallen hängen. Mit einem Ruck wurde sie wieder zurückgezogen. Der Farbenseher hatte ihren Stiefel erwischt. Kräftig trat sie mit dem freien Fuß zu und streifte den Stiefel ab, in den sich das Biest verbissen hatte. Die Bestie war einen Moment mit dem Stiefel beschäftigt und Orthoriel nutzte die Gelegenheit, um unter unsäglichen Schmerzen ihre Kettenrüstung auszuziehen. Verbissen kämpfte sie gegen die Pein und als sie es endlich geschafft hatte, den linken Arm aus der Rüstung zu ziehen, war auch schon der Farbenseher wieder da. Das schnappende Maul des Ungeheuers kam immer näher und sie stieß die Rüstung in Richtung des Tieres. Blitzschnell hatte der Farbenseher die Rüstung geschnappt und heraus gezogen.

Sie durfte keine Sekunde länger hier liegen bleiben und sie zog sich weiter in den Tunnel hinein. Ohne den Schutz der Rüstung schrammten die Kristalle immer neue Wunden an Arme, Beine und Rücken. Der Tunnel wurde immer enger. Jede Bewegung tat weh, Schweiß und Staub brannten in den Augen, doch vor ihr wurde es heller. Die Hoffnung gab ihr die Kraft und so kroch Orthoriel weiter.

Die Farbenseher hatten mittlerweile die Rüstung zerstört und wurden gewahr, dass ihr Mahl nur aus Metall, Leder und Blut bestand. Wütend rannten sie in Richtung Tunnel. Der erste stürmte hinein, der zweite Farbenseher fand wieder Interesse an seinem toten Rudelmitglied.

„Noch ein kleinen Stück“, machte sich Orthoriel Mut. Schon hörte sie, wie hinter ihr der Farbenseher durch den Tunnel eilte. Seine Grunzlaute ließen ihr das Blut in den Adern gefrieren, sie versuchte schneller zu kriechen, wobei sich ein langer Kristall in ihre Brust bohrte. Sie schrie, doch aus ihrem trockenen, mit Staub gefüllten Mund kam nur ein jämmerlicher Laut hervor. Halb blind kroch sie weiter auf das Licht zu und stürze unverhofft einen Abhang hinunter. Benommen von Schmerz und Verzweiflung schlug sie unten gegen einen Stein. Der Aufprall raubte ihr den Atem. Mühsam, pfeifend und röchelnd schnappte sie nach Luft. Durch die Tränen erkannte sie, dass das Licht hier, für die dunklen Verhältnisse der Höhle und des Tunnels, sehr hell war.

„Wo bin ich? Ist das mein Ende?“, kam es ihr in den Sinn. Doch das entsetzliche Geheul des Farbensehers riss sie aus ihren Gedanken.
„Ja, friss mich, dann hat es ein Ende. Ich kann nicht mehr, Vater, es tut mir so leid.“
Zusammengekauert und weinend erwartete sie ihren Tod.
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Re: Orthoriel cor Alrisha und Jondalrun cor Zibal

Beitragvon Tirah » 27.01.2011 19:25

Jondalrun cor Zibal

Bittere Vorwürfe


Die Sonne schien durch das geöffnete Fenster. Iorthen fuhr fort: „…wirklich außergewöhnlich, selbst ich habe bislang nur von solchen Fällen gehört. Daß das tatsächlich möglich ist…“ Er schwieg, als er merkte, daß Jondalrun ihm gar nicht zuhörte. Iorthen räusperte sich verlegen. „Nun gut, wir sprechen später noch darüber. Laßt es mich wissen, wenn ich irgendetwas für Euch tun kann.“ Und leiser: „Seid nicht zu böse auf Aeglosson, auch der Oberste Bewahrer ist nicht unfehlbar. Er macht sich große Vorwürfe, müßt Ihr wissen.“ Doch Jondalrun reagierte nicht.

Tatsächlich sprach er gar nicht. Er lag in seinem Bett und wurde von den Heilern umsorgt. Er aß und trank, was man ihm vorsetzte und sein Schlaf war unruhig und voller Träume. Er sah seinen Fuchs, Schlitzohr, und wollte ihm folgen, doch dieser zeigte sich ihm immer nur kurz und war sofort wieder verschwunden. Auch von Orthoriel träumte er, manchmal gelang es ihm sogar, sie zu retten und dann lag sie in seinen Armen und lachte ihn an. Dann war das Erwachen besonders bitter.

Tagsüber träumte er mit offenen Augen. Er hörte Orthoriels Stimme, wie sie ihn rief und leise zu ihm sprach und ab und zu hätte er schwören können, Schlitzohr gesehen zu haben, wie er vor dem Fenster auf dem Rasen spielte.
Golwenor saß oft an seinem Bett und Jondalrun war dankbar für seine Gegenwart - und dafür, daß Golwenor nicht über das Geschehene sprechen wollte. Er drängte Jondalrun nicht, sondern plauderte ein wenig und schwieg dann wieder. Er sprach über den neuesten Klatsch und das Wetter und überbrachte Grüße von den Eltern, die er mittels Brieftaube informiert hatte.

Jondalrun sah Corris Mann und die Kinder, die klein und zerbrechlich wirkten. Er verwünschte Aeglosson. Nur durch seine Schuld hatten Corri und Orthoriel den Tod gefunden. Weil Aeglosson so ein pedantischer, mürrischer Kleinkrämer war. Es war doch nur ein Spaß gewesen, als Orthoriel und er die Eichengeister beschworen hatten, aber Aeglosson hatte sie gleich in die Höhlen geschickt!
Im tiefsten Inneren wußte Jondalrun, daß er dem alten Bewahrer Unrecht tat, der sich gramgebeugt bei ihm entschuldigt hatte. Doch er brauchte jemanden, dem er die Schuld geben konnte. Denn sonst hätte er sich eingestehen müssen, daß es allein seine Schuld war. Er, Jondalrun, hatte versagt. Er hatte Orthoriel sterben lassen, er ganz allein.
Er schloß die Augen und wieder hörte er ihre Stimme, die ihn rief…
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- Licht -

Beitragvon Lyros » 28.01.2011 16:41

Orthoriel cor Alrisha

- Licht -


Plötzlich wurde aus dem wilden Knurren ein schmerzerfülltes Jaulen. Der Farbenseher war im engen Tunnel stecken geblieben und der selbe Kristall, der auch schon Orthoriel verletzte, stak in der Brust der Bestie, deren Winseln immer leiser wurde und ganz erstarb.

„Bei Doron!“, flüsterte Orthoriel und lauschte angestrengt. Es war kein Laut zu hören und nun machte sie sich daran, den Beutel mit der Heilpaste und -trank zu öffnen.Zuerst nahm sie einen kräftigen Schluck des rötlich schimmernden Trankes. Die Wirkung setzte beinahe sofort ein. Jetzt, nachdem die stärksten Schmerzen nachließen, war die Schulter dran. Orthoriel riss eine Stoffbahn aus ihrem Untergewand, verrieb reichlich Heilpaste darauf und legte ihn auf die Wunde. Mit zusammengebissenen Zähnen lehnte sie sich gegen den Fels und presste so den provisorischen Verband fest auf die Wunde.

Nachdem sie sich ein wenig erholt hatte, schaute sie sich um. Hier wuchsen sehr große Pilze, die in allen Farben leuchteten. Die Höhlenwände waren auch hier mit Kristallen überzogen und tauchten die Welt in ein mystisches Licht. Sie musste hier raus, dass war ihr klar, doch der Tunnel war durch das schwere Tier verstopft und sie wollt auch nicht wirklich diesen Ausgang nehmen.

So machte sie sich, immer der Höhlenwand folgend auf den Weg, um einen Ausgang zu finden. Bei jedem Schritt zog ein scharfer Schmerz durch ihre Schulter, bis in den linken Arm hinein. Orthoriel war froh, dass er schmerzte, so wusste sie wenigstens, dass er „nur“ gebrochen war.

Auf ihrem Weg, nicht weit von ihrem Startpunkt entfernt, fand sie eine Quelle und freute sich über das erfrischende Wasser. Sie wusch sich den Schweiß und Staub aus dem Gesicht und trank sich satt. Anschließend trank sie den Rest des Heiltrankes, der ihre Schmerzen linderte und machte sich wieder auf die Suche.

Etliche Stunden waren verstrichen, als sie ihren Startpunkt wieder erreicht, ohne einen anderen Tunnel oder Spalt gefunden zu haben.

Mutlos setzte sie sich neben die Quelle und schaute in den Pilzwald.
„Da war doch etwas. Hallo?“, rief sie in den Pilzhain, als sie meinte aus dem Augenwinkel etwas vorbeihuschen gesehen zu haben. Sie überlegt, ob sie vielleicht zu viel vom Heiltrank getrunken hatte, also plötzlich ein Fuchs aus dem Dickicht geschlichen kam. Verwundert schaute sie dem Tier entgegen, als es langsam auf sie zu lief.
„Na? Wer bist du denn?“, flüsterte sie und streckte den rechten Arm aus. Zutraulich kam der Fuchs näher und schnüffelte an ihren Fingern.
„Wie bist Du hier bloß herein geraten“, sprach sie zum Fuchs und war froh nicht mehr so allein zu sein. Vorsichtig strich sie ihm über den Kopf und er rollte sich vor ihren Beinen zusammen.
„Du hast auch schon bessere Tage erlebt wie? Was hast du nur mit deinem Ohr gemacht, es ist ganz eingerissen. Ich muss hier schnell raus, verstehst du? Jondalrun und Corri liegen noch in der anderen Höhle. Sie müssen in den Schoß von Mutter Erde, ich hoffe diese Biester sind an den Rüstungen erstickt.“
Tränen rannen über ihre Wangen. Sanft strich sie dem Fuchs über den Kopf und machte sich mit einem Lied selber Mut.

And for all the roads you followed
And for all you did not find
And for all the dreams you had to leave behind

I am the way
I am the light
I am the dark inside the night

I hear your hopes
I feel your dreams
And in the dark I hear your screams

Don't turn away
Just take my hand
And when you make your final stand

I'll be right there
I'll never leave
And all I ask of you
Believe


„Wenn ich dich doch nur losschicken könnte“, schluchzte sie. Müde lehnte sie sich an die Wand und schlief beim Summen der Melodie ein.

Als Orthoriel aus ihrem Dämmerschlaf hochschreckte, war der Fuchs verschwunden.
„Fuchs? Wo bist Du?“, rief sie. Das Aufstehen fiel ihr schwer und sie musste sich kurz sammeln. Da der Fuchs wohl in den Pilzwald gelaufen war, machte sie sich auf den Weg in den Pilzwald. Der Boden war seltsam weich und es roch moderig. Es schien ein helles Zentrum zu geben, denn je weiter sie sich hinein wagte, umso heller wurde es. Die Temperatur schien auch deutlich zuzunehmen. Endlich erreichte sie die Mitte und blieb wie angewurzelt stehen. Dort stand, inmitten der Pilze, ein Baum.
„Der Baum Eniria? Nur als Miniatur?“, raunte sie ehrfürchtig und kniete sich nieder um zu beten. Sie schloss Jondalrun und Corri in ihr Gebet ein und als sie wieder aufsah, stand der Fuchs neben dem Baum.
„Hey!“, rief sie warnend „wehe dir, du hebst dein Bein am heiligen Baum!“
„Aber niemals, meine Orthoriel!“, sprach der Fuchs mit der Stimme von Jondalrun. Ihr wurde heiß und kalt, alles drehte sich.
„Das gibt es nicht. Das müssen die Sporen sein, die ich losgerüttelt habe.“
Mehr brachte sie nicht über die Lippen und brach zusammen.
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Re: Orthoriel cor Alrisha und Jondalrun cor Zibal

Beitragvon Tirah » 29.01.2011 21:16

Jondalrun cor Zibal

Traum oder Wirklichkeit?



Mit einem Lächeln auf den Lippen erwachte Jondalrun. Das verblüffte Gesicht von Orthoriel war zu köstlich gewesen! Er runzelte die Stirn. War er wirklich ein Fuchs gewesen? Träume waren manchmal sonderbar. Und doch… sie war verletzt gewesen, ganz eindeutig. Und sie hatte keine Rüstung getragen - sollte all das wirklich ein Traum gewesen sein?
Er setzte sich im Bett auf und sah stirnrunzelnd aus dem Fenster, er mußte darüber nachdenken.

Die fröhliche Stimme von Golwenor, die über den Gang schallte, verärgerte ihn. Mußte sein Bruder ausgerechnet jetzt kommen? Jondalrun seufzte.
„Brüderchen, wie geht es dir heute?“
„Du sollst mich nicht ‚Brüderchen’ nennen, wie oft muß ich dir das noch sagen“, knurrte er.
„Oh, schlecht geträumt? Na, wenigstens sprichst du wieder, es scheint also aufwärts zu gehen.“
Golwenor war ein typischer Heiler: unendlich geduldig und durch nichts zu erschüttern, erst recht nicht durch die schlechte Laune eines Patienten.
„Ich muß mit Iorthen sprechen! Er wollte doch mit mir über den Fuchs reden, nicht wahr? Dann hol ihn her!“
Golwenor sah ihn geschockt an. „Den Obersten Druiden zerrt man nicht einfach von seinen Aufgaben fort!“ protestierte er. „Ich bin sicher, er wird…“
„Nein, jetzt!“ wiederholte Jondalrun und presste starrsinnig die Kiefer zusammen.
Golwenor verzog das Gesicht. „Oh weh, den Blick kenne ich… na gut, ich werde es versuchen.“

Jondalrun sprach lange mit Iorthen, der aufmerksam zuhörte. Er überzeugte Jondalrun davon, daß es tatsächlich der Geist von Schlitzohr gewesen war, der Hilfe geholt hatte und den er auch jetzt noch manchmal sah. Das sei zwar äußerst selten, aber es könne vorkommen bei einer so engen Bindung zwischen Elb und Begleitertier. Und schließlich hatte Jondalrun den Fuchs ja praktisch aufgezogen.
In einem Punkt blieb Iorthen jedoch eisern: Daß Orthoriel noch am Leben war und Schlitzohr ihm dies mitzuteilen versuche, sei ausgeschlossen.

Und doch nagte genau dieser Verdacht an Jondalrun. Schlitzohr wollte ihm etwas sagen, dessen war er ganz sicher. Und so wie er Orthoriel in seinem Traum vor sich gesehen hatte… sie mußte einfach noch am Leben sein!

Aufgeregt ließ er Dellari bitten, ihn aufzusuchen und sie hatte ihn kaum begrüßt, als er auch schon darum bat, einen erneuten Suchtrupp in die Höhlen zu schicken.
Dellari musterte ihn mitleidig und erklärte, daß das ausgeschlossen sei. Sie hätten alles abgesucht und nicht nur Orthoriels Rüstung gefunden, deren Zustand für sich selbst sprach, sondern auch - hier stockte sie merklich - Leichenteile.
Jondalrun wurde blaß und überlegte, ob er ihr von dem Fuchs erzählen sollte, doch das hätte sie ihm wohl niemals geglaubt. Wahrscheinlich wäre sie dann davon überzeugt, daß das Gesehene und der Kummer ihm den Verstand geraubt hätten.

Blieb also nur noch Aeglosson, dem Jondalrun insgeheim immer noch Vorwürfe machte und den er auf den ersten Blick nicht gemocht hatte.
Jondalrun erzählte ihm scheinbar ruhig von seinem Verdacht, doch als Aeglosson ihn genauso wenig ernstnahm wie Iorthen und Dellari, wurde er laut. Er beschimpfte ihn und machte ihm bittere Vorhaltungen. Warf ihm vor, das Leben der ihm anvertrauten Rekruten leichtfertig auf’s Spiel zu setzen und gleichgültig gegenüber den Konsequenzen zu sein. Er tobte so sehr, daß ein Heiler herbeigelaufen kam, um ihm einen Trank zur Beruhigung zu geben.
Aeglosson lehnte sich ruhig in seinem Stuhl zurück und winkte den Heiler fort wie eine lästige Fliege. Er musterte Jondalrun kühl und sagte leise mit zusammengekniffenen Augen: „Dies ist nicht die Art, mit dem Obersten Bewahrer des Königreiches zu reden. Unter anderen Umständen würde ich Euch dafür zur Rechenschaft ziehen. Und glaubt mir: das, was Ihr in den Höhlen erlebt habt, käme Euch dagegen wie ein Spaziergang vor.“

Nach einer Pause seufzte Aeglosson jedoch und sank in seinem Stuhl zusammen, plötzlich sah er aus wie ein alter und sehr müder Mann. „Denkt Ihr denn, ich würde mir keine Vorwürfe machen? Orthoriel war noch so jung und aus bester Familie, ein vielversprechendes Talent. Genau wie Ihr übrigens.“ Jondalrun starrte ihn an.
„Iorthen hat mir von Eurem Verdacht erzählt und ich halte diese Geschichte mit einem Geisterfuchs für… nun ja, sagen wir mal: übertrieben.“ Beschwichtigend hob er die Hände, als Jondalrun auffahren wollte.
„Aber ich sehe, wieviel Euch an der Sache liegt und in meinem langen Leben habe ich gelernt, daß man seiner Intuition stets trauen sollte. Ich werde also Dellari noch heute mit einem Trupp in die Höhlen schicken. Sie werden alles absuchen und auch den letzten Stein noch umdrehen. Wenn Orthoriel noch lebt, werden sie sie finden. Wenn sie allerdings mit leeren Händen zurückkehren, werdet Ihr Eure Studien wieder aufnehmen und Eure Ausbildung ohne Umschweife fortsetzen. Haben wir uns verstanden?“
Jondalrun sah ihn lange an, bevor er zögernd nickte.
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- Die Suche -

Beitragvon Lyros » 01.02.2011 15:20

Orthoriel cor Alrisha

- Die Suche -


Dellari brach mit fünf weiteren Bewahrern der Stadtwache auf. Alle hatten schon viel Erfahrung und bekämpften bereits erfolgreich Tiefentrolle. Dellari wusste, dass Golwenor mit seinen Leuten nur die nähere Umgebung abgesucht hatte. Nachdem sie Orthoriels Rüstung und die Leiche von Corri geborgen hatten, verließen sie die Höhle schnellstmöglich wieder. Allein schon deswegen, weil Jondalrun einen Heiler benötigte.

„Seid wachsam, wir wissen nicht, ob und wie viele dieser Biester in der Höhle sind. Aeglossons Befehlt lautet, dass wir bis in den kleinsten Winkel alles zu überprüfen haben! Also los jetzt!“, kommandierte sie den Trupp. Der Ton in ihrer Stimme ließ keinerlei Zweifel aufkommen, dass wirklich jedes Steinchen umgedreht werden sollte.

So entfachten sie ihre Blendlaternen und betraten die Höhle. Jeder hatte einen Eichengänger beschworen, sie waren in den engen Tunnels die beste Wahl. Gründlich wurden die Gänge, Nischen und Verzweigungen abgesucht, bis sie endlich die große Halle der Zwerge erreichten.

Staunend sah sich der Trupp um, sie waren schon sehr lange nicht mehr hier unten gewesen.
„Die Halle der Zwerge ist groß, aber so groß hatte ich sie nicht in Erinnerung. Wir stärken und erst einmal, das zusätzliche Licht der Pilze wird uns Feinde schnell erkennen lassen, also seid trotz der Rast wachsam!“, befahl sie und der Trupp machte sich über die mitgebrachten Rationen her. Es wurde kein Wort gesprochen und jeder des Trupps ließ die Umgebung nur selten aus den Augen. Die Rast währte nicht lange, als Dellari mit neuen Befehlen die Stille zerriss.
„Wir bilden eine Kette. Qen, Ihr geht soweit in Richtung rechter Höhlenwand, dass Ihr noch in die kleinste Ritze schauen könnt. Dann folgt Carmina und hält soviel Abstand zu Qen, dass der Bereich zwischen euch gut überblickt werden kann. Dann folgen Embras, Worro und Flotiel. Nach meiner Einschätzung sollten wir so mindestens die rechte Hälfte genau absuchen können. Die Linke übernehmen wir auf dem Rückweg. Eins noch, schreit beim Zuschlagen auf den Feind laut genug!“. Sie nickte Qen zu und die Suche begann.

Schließlich erreichten sie den Altar und somit das Ende der Höhle, ohne eine Spur gefunden zu haben. Dellari ließ den Trupp rasten. Carmina und Worro setzten sich, wie immer ab, um ein wenig für sich zu sein.
„Hierher“, rief Carmina plötzlich, „wir haben etwas gefunden.“
Sofort waren alle herbei geeilt. Vor ihnen war ein Schlaflager ausgebreitet und ein Rucksack lag am Kopfende. Dellari griff sich den Beutel und stöberte darin herum. Sie fand einige Pergamente, auf denen Skizzen und Bemerkungen zum Altar und der Halle gekritzelt waren.Sie schaute rätselnd in die Runde.

„Das muss das Lager von Tiemer sein. Der wandert doch schon seit Jahrhunderten durch diese Berg.“, grübelte Qen.
„Ja, es ist schon sehr lange her, dass er in Tejat seine Vorräte aufgefüllt hat“, nickte Dellari. Auf einmal starrten sich alle mit großen Augen an, doch Carmina fand zuerst ihre Stimme wieder.
„Dann war die zweite Leiche gar nicht die von Orthoriel!“, sprach sie die Worte langsam und betont aus.
Auf Anhieb war die vage Hoffnung zur Gewissheit geworden. Selbst wenn Orthoriel den Angriff nicht überlebt haben sollte, so musste zumindest ihr Körper, oder das was von ihr noch übrig war, gefunden und an Mutter Erde übergeben werden. Dellari schluckte schwer, als ihr dieser Gedanke durch den Kopf ging. Die Suche wurde von neuem Eifer getragen.

Qen fand, dank seiner scharfen Augen, die getrocknete Blutlache von Orthoriel und auch den Durchgang.
„Ich habe etwas gefunden!“, rief er den Trupp zusammen, als auch Flotiel mit ihrer dünnen Stimme rief, „hier liegen zwei tote Farbenseher!“
Sie hatten den Bereich des blutigen Kampfes gefunden. Die Farbenseher verbreiteten schon den süßlichen Gestank der Verwesung.
„Carmina, Embras und Worro, ihr schaut euch hier genau um. Qen! Wartet dort und haltet die Augen auf.“, kommandierte sie und sprach dann leiser zu Flotiel, „Wir werden jetzt die Kadaver verbrennen.“
Schon holte sie Lampenöl aus dem Rucksack, übergoss die Kadaver und zündete sie an. Flotiel behielt während dessen die Umgebung im Auge. Rasch verpestete der beißende und nach verbranntem Fleisch stinkende Rauch die Luft. Die beiden machten sich auf den Weg zu Qen.
„Ihr behaltet weiter die Gegend im Auge!“, rief sie den drei Patrouillierenden zu.

Dellari nickte Qen kurz zu und er berichtete, dass an der Felswand jemand gesessen hatte und diese Person viel Blut verlor. Qen war stets sachlich und ließ keine Emotionen aufkommen. Ein Grund, warum Dellari ihn immer gern als Kundschafter dabei hatte.
„Die Person kroch offensichtlich durch diesen Tunnel.Dort hinten scheint etwas den Tunnel zu verstopfen.“, stellte er kühl fest.
„Dann lasst uns hoffen, dass es Orthoriel geschafft hat, den Tunnel sicher zu verschließen. Flotiel, Du bist die kleinste von uns. Hier zieh Dir noch meine Kettenhandschuhe über, die Kristalle sehen scharfkantig aus.“
Sie übergab ihre Handschuhe an Flotiel, die sie überzog, ihren Bihänder an die Wand lehnte und ihre Dolche überprüfte. Danach kroch sie ohne ein weiteres Wort in den Tunnel. Nach einigen Metern schlug ihr der Verwesungsgeruch des toten Tieres entgegen. Sie rief den anderen zu, dass es ein toter Farbenseher sei, der den Gang verstopfte.
„Igitt, dass diese Viecher so schnell verfaulen ist doch nicht zu glauben“, hallte ihre Stimme aus dem Tunnel. Flotiel drehte sich so gut es ging und trat kräftig gegen den Kadaver. Ruckweise bewegte sich das tote Tier vorwärts, bis es mit einem Ruck durch die Öffnung nach innen flog und mit einem schleimigen Platsch unten aufkam. Flotiel schwitzte fürchterlich und der Gestank raubte ihr fast den Atem. Die Kristalle hatten den Körper der Bestie aufgerissen und die stinkenden, schmierigen Eingeweide bildeten eine feuchte Rutschbahn für Flotiel.
„Ich habe es geschafft“, rief Flotiel, begleitet von Würgelauten, den anderen zu. „Ich springe jetzt runter, es ist nicht tief!“
Schon stand sie unter neben der Tierleiche, es war stockdunkel.
„Bringt meine Laterne mit, hier ist es dunkel wie im ...“, den Rest verschluckte sie, musste trotz der Situation grinsen. Sie zog ihre Dolche, lauschte in das schwarze Nichts und wartete geduldig auf die Kameraden. Im matten Schein der Laternen, die jetzt wohl durch den Tunnel getragen wurden, bemerkte sie einen roten Streifen an der Wand. Richtete ihre Aufmerksamkeit dann wieder der unsichtbaren Gefahr zu, die von vorne drohte.

„Ah!“, rief Qen durch die Öffnung, „Neues Duftwasser, wie?“
Er reichte ihr die Laternen runter und stieg vorsichtig aus dem Tunnel zu ihr runter. Flotiel, die schon in die Höhle leuchtete, reichte ihm die Laterne nach hinten. Qen war erstaunt, dass Flotiel nicht reagierte, mindestens einen Rippenstoß hatte er erwartet. Die nächste Bemerkung lag bereits auf seinen Lippen.
„Da ist sie!“, flüsterte Flotiel, so als wolle sie niemanden wecken, „Gib mir mein Schwert!“
„Hm, ich hatte schon zwei Laternen zu schleppen, da müssen wir auf Dellari warten.“, kam entschuldigend die Antwort.
„Ich bin gleich bei euch, Carmina kommt auch noch, die anderen wachen vor dem Eingang. Puh, Flo, was hast Du mit dem armen Tier angestellt? Beiseite schubsen hätte gereicht.“, stöhnte Dellari aus dem Tunneleingang.
„Gib mir einfach nur mein Schert!“, knirschte sie durch die Zähne.
Dellari war eine erfahrene Bewahrerin und versuchte die Stimmung etwas aufzulockern, „Hey, lass uns das später ausfechten“.
Doch Flotiel schnappte sich den Bihänder und rannte zu Orthoriel, die wie tot mitten in der Höhle lag.
Die letzten Worte blieben Dellari allerdings im Halse stecken. Die drei Laternen leuchteten die Höhle komplett aus, sie war gerade mal 10m im Durchmesser und an der glatten Felswand ringsum war eine Blutspur zu sehen, einmal im Kreis.

Qen und Dellari atmeten schwer durch, sie konnten es nicht fassen.
Flotiels Schrei riss die beiden aus dem entsetzten Staunen, „Sie lebt!“
Sofort rannten sie los. Qen zog im Laufen schon einen roten Heiltrank aus dem Beutel an seinem Gürtel.
„Ihr Puls ist sehr schwach.“, raunte Flotiel, die jetzt erst realisierte, was der rote Streifen an der Wand zu bedeuten hatte.
Qen kümmerte sich um Orthoriel und Dellari legte ihr Hand auf Flotiels Schulter. Flotiel zuckte zusammen, „ist das“, sie sog die Luft ein, „wirklich alles Blut?“
Dellari nickte stumm. Qen hatte Orthoriel einen Schluck des Trankes verabreicht. Sie schüttelte sich in Krämpfen.
„Eine Decke!“, kam knapp die Anweisung von Qen. Dellari drehte sich so, dass Flotiel an ihren Rucksack kam. Flotiel holte mit zitternden Händen die Decke aus dem Rucksack.
„Hier, Qen“
Qen wickelte Orthoriel vorsichtig in die Decke. Flotiel half, während Dellari zum Eingang der Kammer zurück lief und durch die Öffnung brüllte, „Wir brauchen die Trage! Alles in Ordnung bei Euch? Dann soll Embras die Trage hierher bringen.“

Schnell war die Trage zur Stelle. Orthoriel wurde noch etwas Heiltrank eingeflößt, auf die Trage gebunden und durch den Tunnel in die große Halle bugsiert. Verschwitzt und stinkend war der Trupp nun wieder vereint. Nur Worro, der sauber geblieben war, konnte ein leichtes Grinsen nicht vermeiden.

„Worro! Du wirst beim Tragen helfen“, blitzte Dellari ihn an.
Worro nickte und trug mit Embras die Trage. Der Rückweg schien weiter als der Hinweg, doch nach einiger Anstrengung erreichten sie den Ausgang der Vengas-Mine. Allen war die Erleichterung anzusehen.

Kurz darauf war Orthoriel beim Heiler und ihre Wunden wurden fachgerecht versorgt. Sie selber bekam nichts von alledem mit. Orthoriel war immer noch im Pilzwald und schaute den Baum an. Sie hörte eine tiefe, wie eine große Bronzeglocke klingende Stimme, die sanft sagte, „Glaube, Orthoriel!“. Sie kämpfte gegen eine alles erdrückende Schwere an und bevor die Schwärze eines traumlosen Heilschlafes sie übermannte, hörte sie Jondalruns Stimme: „Ich liebe Dich, Orthoriel, komme wieder zurück, bitte!“
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Re: Orthoriel cor Alrisha und Jondalrun cor Zibal

Beitragvon Tirah » 06.02.2011 12:56

Jondalrun cor Zibal

Wieder vereint



Jondalrun weigerte sich beharrlich, von Orthoriels Seite zu weichen und schließlich gaben die Heiler nach und richteten ihm ein Lager direkt neben ihrem Bett. Jondalrun hätte sie die ganze Zeit nur anschauen können: wie schön sie war! Zärtlich strich er ihr über das immer noch grüne Haar und schmunzelte: sie hatte recht gehabt, die Bergteufelpaste war nicht wieder herausgegangen. Sie lebte und würde gesund werden und bald würde sie ihn wieder mit blitzenden Augen anfunkeln und lachen… Er mußte eingenickt sein, denn als er mit einem Ruck auffuhr, lächelte Orthoriel ihn an. Mitgenommen sah sie aus und unendlich müde, mit Kratzern im Gesicht und einem… ja, tatsächlich, einem blauen Auge. Jondalrun unterdrückte schnell ein Grinsen, doch nicht schnell genug.
„Sehe ich so komisch aus?“ flüsterte Orthoriel mit trockenen Lippen.
„Nein, nein, ich freue mich nur so, daß du wieder wach bist“ antwortete er schnell, aber wohl doch nicht überzeugend genug, denn Orthoriel sah ihn skeptisch an.

Es dauerte einige Zeit, bis beide ihre Lektionen wieder aufnehmen konnten, aber dann stürzten sie sich mit Feuereifer in die ihnen gestellten Aufgaben. Schon bald waren sie die besten Schüler, die Aeglosson je hatte. Ständig versuchten sie, sich gegenseitig zu übertrumpfen, blieben dabei aber stets fair und sahen es eher als sportlichen Wettkampf an.
Was jedoch kein Außenstehender wußte: Orthoriel und Jondalrun waren heimlich längst ein Paar. In jeder freien Minuten stahlen sie sich davon, natürlich unabhängig voneinander und äußerst unauffällig, um sich dann an einem versteckten Ort zu treffen. Sie sprachen von ihrer Kindheit und ihren Vorlieben und konnten stundenlang einfach nur schweigend aneinandergeschmiegt daliegen. Sie waren unendlich glücklich.

Jondalrun war gerade mit einem fröhlichen Lied auf den Lippen auf dem Weg zu ihrem geheimen Treffpunkt, als Golwenor ihm in den Weg trat. „Na, Bruderherz, wohin so fröhlich?“
„Nur ein wenig zum See. Cúion, du weißt schon, der Bogenmeister, erzählte von einer besonderen Entenart. Pfeile mit deren Federn sollen viel zielgerichteter fliegen. Ich bin davon nicht überzeugt, aber wenn man die Federn…“ Golwenor unterbrach ihn, bevor Jondalrun ihn mit einer langen Abhandlung über die richtige Befiederung von Pfeilen ablenken konnte. „Und dafür nimmst du selbstverständlich ein wenig Wegzehrung mit, verstehe.“ Mit einem Augenzwinkern wies er auf die Flasche Wein, die Jondalrun hinter seinem Rücken zu verstecken suchte.

Leiser fuhr er fort: „Ihr seid nicht vorsichtig genug! Liebschaften unter den Schülern sind nicht gern gesehen und ihr habt Neider. Selbst mir sind Gerüchte zu Ohren gekommen und ich bin nicht einmal ein Bewahrer.“ Besorgt musterte er seinen kleinen Bruder.
Jondalrun versuchte zwar, die Warnung leichtfertig abzutun, doch im Inneren war er besorgt. Golwenor interessierte sich nicht im Mindesten für Klatsch und Tratsch und wenn selbst ihm schon derartiges zu Ohren gekommen war, dann wollte er lieber gar nicht wissen, seit wann und vor allem was für Dinge erzählt wurden. „Die Gerüchteküche brodelt, nehme ich an, hm?“ fragte er mit einem Grinsen, das Golwenor jedoch nicht täuschen konnte. Er musterte Jondalrun ernst und sagte laut: „Iorthen wartet immer noch auf einen Bericht von dir wegen deines Fuchses.“ Erst in diesem Moment bemerkte Jondalrun die Gestalt, die ganz in der Nähe halb versteckt an einem Pfeiler lehnte. Aber wer sollte sie belauschen wollen?

Sie lagen am See und genossen die Wärme der Sonne auf ihren nackten Körpern. Orthoriel schalt ihn wegen seiner Unaufmerksamkeit. „Liebster, was ist denn heute nur los mit dir? Ach, ich weiß schon: du bist besorgt, weil ich bei der Prüfung heute vormittag besser abgeschnitten habe.“ Sie grinste ihn an.
„Die Prüfungsergebnisse stehen noch gar nicht fest und außerdem habe ich gewonnen“, murmelte Jondalrun in ihr Haar, dessen Grün ihn immer noch faszinierte.
„Oh nein, das hast du nicht! Als es darum ging…“ Jondalrun legte den Finger auf die Lippen und sie verstummte sofort. Eine Weile lauschten sie, dann schüttelte Jondalrun den Kopf. „Es war wohl doch nichts.“

Wie immer konnte er Orthoriel nichts vormachen und im Handumdrehen hatte sie die ganze Geschichte aus ihm herausgelockt. „Aber das ist doch alles Unsinn“, meinte sie schließlich. „Wer hört schon auf Gerüchte? Morgen haben die Klatschweiber ein neues Thema und beweisen kann man uns gar nichts. Und selbst wenn: wir sind alt genug, was soll schon passieren?“
Jondalrun musterte sie bedrückt. „Golwenor meinte, daß Aeglosson es nicht gerne sähe… was ist, wenn sie uns von der Ausbildung ausschließen?“
Aber Orthoriel schüttelte energisch den Kopf. „Aeglosson ist zwar ein alter Brummbär, aber im Grunde seines Herzens ist er weich wie frisch geschmolzenes Wachs.“ Sie lachte laut, als Jondalrun das Gesicht verzog, als hätte er in eine Zitrone gebissen. „Doch, doch, glaub mir. Und außerdem ist er praktisch veranlagt und wird nie seine besten Schüler fortschicken. Solche Talente wie uns findet er so schnell nicht wieder und das weiß er auch.“
Jondalrun schüttelte nur den Kopf: „An Selbstbewußtsein mangelt es dir jedenfalls nicht, Liebste.“

Eine Woche später wartete Jondalrun vergeblich am vereinbarten Treffpunkt auf Orthoriel. Er wunderte sich zwar, nahm es aber nicht weiter ernst. Sicher war sie aufgehalten worden. Auch beim Essen im großen Saal war sie nicht zugegen und Jondalrun runzelte die Stirn. Aber als sie auch am nächsten Tag bei den Lektionen nicht auftauchte, wandte er sich an Glíwen, mit der sich Orthoriel eine Kammer teilte. „Hat Orthoriel endlich eingesehen, daß ich besser bin und aufgegeben?“ fragte er sie grinsend.
„Nein“, kam die beiläufige Antwort. „Sie bekam gestern eine Nachricht ihrer Mutter und ist sofort abgereist, wohl irgendein familiärer Notfall oder so etwas.“ Sie zuckte die Schultern und beugte sich wieder über ihre Aufgabe.
Jondalrun stand wie vom Donner gerührt. Seine Liebste war fort? Ohne eine Nachricht zu hinterlassen?
Nein, das konnte nicht sein, das hätte sie niemals getan! Oder vielleicht doch? Aber warum?
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- Nach Hause und weiter -

Beitragvon Lyros » 07.02.2011 19:54

Orthoriel cor Alrisha

- Nach Hause und weiter -


Der Schlaf lag schwer wie Blei auf Orthoriels Geist, nur mühsam gelang es ihr die Augen einen Spalt zu öffnen. Jondalrun? Sie wollte aufstehen, doch der Schmerz in ihrer Schulter und die Wirkung des Heiltrankes hinderte sie daran.
„Wo ist Eniria?“, röchelte sie. Jondalrun zuckte zusammen und grinste sie an.
„Sehe ich so komisch aus?“
„Nein, nein, ich freue mich nur so, dass Du wieder wach bist“, antwortete er.

„Was grinst der Kerl so“, dachte sie und fragte ihn dann, “Wo sind wir? Dorons Reich wird es wohl nicht sein, denn ich habe Schmerzen.“
Jondalrun schien ihre Gedanken zu erraten und verbarg sein Grinsen, „Du bist in Tejat, genauer gesagt bei den Heilern der Akademie.“

Langsam kamen die Bilder des Pilzwaldes zurück in ihr Gedächtnis und wie sie geschrien hatte, denn sie wollte den schönen Ort nicht verlassen.

„Woran denkst Du?“, frage Jondalrun in die Stille.
„Wer hat mich, ähm, gerettet?“
„Das war Dellari und ein Trupp Bewahrer, im Auftrag von Aeglosson, warum?“, er schaute sie fragend an.
„Haben sie vom Pilzwald und dem kleinen Baum Eniria berichtet? Wo ist der Fuchs, der mit Deiner Stimme sprach?“
„Pilzwald? Eniria?“, sein Gesicht nahm den Ausdruck eines Heilers an, der einem geistig Verwirrten gutmütig zuhörte, aber kein Wort glaubte oder gar verstand.

Orthoriel sah ihn ernst und ärgerlich an, schloss die Augen und konzentrierte sich. Jondalrun spürte plötzlich, wie sich Wärme in seinem Geist ausbreitete und langsam und schemenhaft das Bild des Pilzwaldes vor seinem geistigen Auge erschien.
Orthoriel öffnete die Augen, „und, haben sie davon berichtet?“
„Nein, Dellari und der restliche Trupp sprachen davon, dass sie Dich in einer kleinen dunklen Höhle vorfanden. Du musst einmal komplett an der Wand entlanggegangen sein, denn Dein Blut war ringsum an der glatten Felswand zu sehen. Sonst war nichts dort“, er hielt fröstelnd inne.
„Aber“, wieder konzentrierte sie sich und ließ Jondalrun an ihren Gedanken teilhaben.
„Bist Du das Orthoriel?“, frage er.
„Ja, mein Vater lehrte es mich“, lächelte sie, „es funktionierte nur mit Ada – bis jetzt“.
Sie unterhielten sich bereits eine Weile, als Aeglosson und Dellari das Krankenzimmer betraten. Jondalrun zog schnell seine Hände aus den Orthoriels und stand noch recht ungelenk auf, um die beiden zu begrüßen.
„Wäret Ihr so gut und lasst uns einen Moment allein, Jondalrun.“, bat Aeglosson freundlich.
„Sehr gern, werter Aeglosson.“, sprach Jondalrun in der Verneigung und ließ die drei alleine.

„Wie geht es Euch, Orthoriel?“, eröffnete Aeglosson im Plauderton das Gespräch.
Orthoriel nickte zur Begrüßung, „danke, es geht schon“
Sie merkte sofort, dass die Beiden nicht wegen ihrer Gesundheit hier waren. Also frage sie geradewegs, „Was führt euch her?“
„Euch kann man nichts vormachen, nicht wahr? Mag es vielleicht an Eurer Begabung liegen?“, bohrte Aeglosson.
Orthoriel starrte ihn nur an.
„Ihr habt Jondalrun ein 'Bild' gezeigt. Die Fähigkeit über die Geistwelt mit jemanden in Kontakt zu treten erlernen manche Elben erst mit 800 bis 900 Jahren, viele überhaupt nicht. Ihr habt es von Eurem Vater, richtig? Und er war sicher der Einzige, mit dem Ihr so 'geredet' habt. Wie ich zu dieser Vermutung komme?“, lächelte er freundlich, „Ihr habt nie gelernt den Fokus nur auf eine Person zu richten. Jeder hier im Umkreis der Akademie, der zur Kommunikation über die Geistwelt fähig ist, hat das Bild vom Pilzwald gesehen.“
Er machte eine Pause. Orthoriel war wie versteinert.
Dellari setzte sich auf ihr Bett, „ich habe es auch gesehen, doch wir fanden Euch in einer kleinen Kammer aus glattem Stein. Ihr lagt in völliger Dunkelheit im Zentrum dieser Höhle.“
„Ihr habt sehr viel Blut verloren, Orthoriel“, setzt Aeglosson mit sanfter Stimme wieder ein, „Die Druiden sind davon überzeugt, dass Ihr bereits die Pforte des ewigen Reiches von ...“
„Doron“, unterbrach ihn Orthoriel, die ihre Stimme wieder gefunden hatte, „aber es war alles so, so echt. Ich fühlte die Pilze und ich roch den leicht modrigen Geruch der Erde und des Mooses.“
„Ich werde, wenn Ihr wieder genesen seid, gern mit Euch zu dieser Höhle aufbrechen. Mit einem guten Trupp, selbstverständlich.“, flüsterte Dellari aufmunternd.
„Wir sollten die Patientin jetzt etwas ausruhen lassen.“, stellte Aeglosson mit ruhiger Stimme fest.

Nachdem die Beiden sich verabschiedet hatten und gegangen waren, kam Jondalrun wieder an ihr Bett.
„Ich bin froh, dass Du hier bist, Jondalrun.“
Jondalrun grinste nur, „im Hinausgehen sprach Aeglosson davon, dass Du zusätzlichen Unterricht bekommen sollst. Ich habe nicht alles verstanden, es ging um Geistwelt und reden?“
Orthoriel nickte nur und sah ihm in die Augen.

Endlich war es soweit, Orthoriel konnte wieder am Training teilnehmen. Jondalrun war bereits seit Wochen aus der Station der Heiler entlassen und war nun im Vorteil. Er ließ es sich aber nicht anmerken und half ihr die Übungen nachzuholen. So kamen sie sich immer näher und verbrachten den größten Teil ihrer Freizeit miteinander. Orthoriel lernte, die Kommunikation über die Geistwelt auf eine bestimmte Person zu fokussieren. Iorthen, der Oberste der Druiden, staunte über Orthoriels rasche Fortschritte. Sie verschwieg, dass Vater oft mit ihr geübt hatte. Doch irgendwie wurde sie das Gefühl nicht los, dass Iorthen es bereits wusste.

In der Freizeit gab sie ihr Wissen an Jondalrun weiter, der nach einigen Monaten, zumindest mir ihr, über die Geistwelt hinweg reden konnte. All dies fand im Geheimen statt, da jeglicher privater Kontakt unter den Schülern verboten war, so lauteten die Regeln der Akademie.

Die Abschlussprüfungen standen vor der Tür und Aeglosson meinte, dass Jondalrun und sie eigentlich nur pro forma an den Prüfungen teilnehmen würden. Er hätte auch sofort das Bestehen bestätigen können, meinte aber, dass sie die Form wahren sollten.

Orthoriel wollte sich gerade zum geheimen Treffpunkt aufmachen um sich dort mit Jondalrun zu treffen, als ein Bote an ihre Tür klopfte.
„Ja?“, fragte Orthoriel argwöhnisch, die das Wappen sofort erkannte.
„Verzeiht werte Orthoriel, wir haben den Auftrag Euch umgehend nach Alrisha zu begleiten.“
„Warum? Übermorgen finden die Prüfungen statt, dass geht nicht“, brachte sie verwirrt hervor und schaute auf die beiden schwer gerüsteten Begleiter des Boten.
„Der Befehl kommt direkt von ihrer Hoheit, Neadrie. Packt bitte sofort“, sprach der Bote im ernsten Ton.
„Ist etwas mit Vater?“, erschrocken sah sie den Boten an.
„Das weiß ich nicht, es tut mir sehr leid. Eure Frau Mutter, Neadrie cor Alrisha, verlangt Eure sofortige Anwesenheit im Hause Alrisha. Die Akademie wurde soeben von Eurer Abreise in Kenntnis gesetzt.“, fuhr der Bote unbeirrt fort.

Von der Angst um ihren Vater beinahe gelähmt, packte sie hastig ihre Sachen. Jondalrun, schoss es ihr glühend durchs Herz.
„Ich muss noch einem Mitschüler, ähm“, sie schaute sich um, „diese Unterlagen bringen.“
„Lasst sie hier liegen, er wird sie finden und jetzt muss ich leider zur Eile drängen.“
Die Wachen griffen bereits nach den gepackten Satteltaschen und trugen sie hinaus. Orthoriel erkannte, dass die Reittiere bereits vor der Tür standen und ungeduldig mit den Hufen scharrten. Sie folgte dem Boten und ließ ihre Pergamente auf dem Tisch liegen.

Die Reise nach Alrisha wurde nur von kurzen Pausen unterbrochen und so war der Rückweg in knapp eineinhalb Tagen geschafft. „Es muss etwas passiert sein!“, dachte Orthoriel finster. Der Bote und die Wachen sprachen kaum ein Wort. Sie versuchte immer wieder mit Jondalrun in Kontakt zu treten – vergebens.

Die Mittagssonne stand hoch am Himmel und es war sehr heiß, als vor ihnen Alrisha in der flirrenden Luft sichtbar wurde. Orthoriel konnte es kaum noch erwarten, endlich zu erfahren, was so schreckliches passiert war.

Langsam und würdevoll ritten sie durch die Stadt, das gebot, trotz der Eile, die Etikette. Endlich war das Burgtor in Sicht. Eine vertraute Silhouette stand am Tor und Orthoriel gab ihrem Reittier die Sporen.
„Ada“, rief sie, sprang ab und landetet einige Zentimeter vor ihrem Vater. „Bei Doron, was ist geschehen?“
„Nicht hier, Orthoriel!“, sagte er ernst. Orthoriel sah in das müde und traurige Gesicht des Vaters, erkannte aber doch die Freude in seinen Augen als er ein Schreiben in Empfang nahm, das der Bote offensichtlich in der Akademie erhalten hatte. Vater wandte ihr den Rücken zu und las. Nach dem Lesen rollte es das Pergament zusammen und deutete ihr ihm zu folgen. Orthoriel entging nicht, dass ein stolzes Lächeln über das Gesicht ihres Vaters huschte.

Schweigend gingen sie in den Thronsaal. Obwohl Vater sie im Arm hielt, kroch die Angst in ihr Herz und Orthoriel rechnete jeden Moment damit, dass sie sich übergeben musste.
Zwei Wachen öffneten die Türflügel zum Thronsaal, Orthoriel schlich hinter Elon her und machte vor dem Thron halt, wo Mutter bereits saß und wartete.
„Um Mutter geht es auch nicht.“ kam es ihr in den Sinn. Als sie dann an ihren Bruder Thendrimin dachte, wurde ihr heiß und kalt. Nachdem Vater sich gesetzt hatte, übergab er Neadrie das Pergament. Zornig entrollte sie das Schriftstück und lass. Danach ergriff sie das Wort, das hallend durch die Saal lief.
„Wie konntest Du uns so etwas antun?“, entlud sich der Zorn der Mutter.
Orthoriel starrte sie nur an und sagte keine Wort.
„Hat die sonst so vorlaute Orthoriel ihre Zunge in Tejat gelassen?“, wetterte Neadrie weiter.
„Wie konntest Du gegen die Regeln der Akademie verstoßen?“
Das war es also, Orthoriel fiel ein Stein vom Herzen, nur ein Regelverstoß. Jemand muss sie und Jondalrun beobachtet und verraten haben. Erleichtert holte sie Luft.
„Mutter, ich liebe Jondalrun. Aeglosson hat uns bereits versichert, dass wir alle Prüfungen bestehen werden und“
Aufgebracht erhob sich Neadrie und stellte sich ganz dicht vor Orthoriel. Ihre Stimme war schneidender den je, als sie Orthoriel das Wort abschnitt.
„Prüfungen, ha! Wie schön, sehr gut, mein Kind“, sprach sie sarkastisch weiter, „da kann ich Dich nur beglückwünschen. Vielleicht soll ich auch noch froh sein, dass MEINE TOCHTER sich mit einem Balg aus dem Hause cor Zibal einlässt?“
„Neadrie!“, mischte sich Vater beruhigend ein.
„Jetzt rede ich!“, fuhr Mutter ihn an, „ich habe bereits alle Vorkehrungen getroffen, dass Du diesen, diesen,“
Vater blickte streng.
„diesen Kerl, nie wieder sehen wirst! Ich habe bereits einen Boten nach Toborea...“
„Taborea“, unterbrach Elon, der daraufhin böse angefunkelt wurde.
„Also Taborea.“, sprach sie gedehnt, „und um genau zu sein, in die Obsidianfeste geschickt. Richtig mein Herz?“
Die Luft schien wie gefroren. Elon nickte nur.
„Dort wirst Du Gadón Donar cor Cariol treffen und er wird Deine Ausbildung fortsetzen! Soweit ich weiß nennt er sich Gadón Donar, der lieben Menschen wegen. Kein Ehrgefühl dieser Elb, verleugnet seine Herkunft.“
Orthoriel spürte geradezu den Forst in Mutters Stimme und den Hass gegen die Menschen.
„So wird dieser Gadón in vier Tagen hier sein und Dich mitnehmen.“
Orthoriel raffte ihren ganzen Mut zusammen, um eine List anzuwenden, „Es ist Brauch in der Akademie, dass die Lehrer und Schüler sich nur beim Vornamen rufen, ich wusste nicht aus welchem Hause Jondalrun stammt.“, sie holte tief Luft und beobachtete ihre Mutter, „nur deswegen willst Du mich nach Taborea schicken? Leben dort nicht sogar mehr Menschen als Elben?“
„Versuche nicht mich mit Deinen Tricks zu beeinflussen! Du wirst nach Taborea reisen!“
Orthoriel verbeugte sich vor ihren Eltern und verließ traurig den Saal.

Erschöpft ließ sich sich auf ihrem Bett nieder und versuchte wieder mit Jondalrun Kontakt aufzunehmen. Da er auch nach vielen Versuchen nicht antwortete, gab sie erschöpft auf und ließ sich erschöpft auf ihr Bett fallen.

Das Klopfen ihrer Zofe ließ sie aus dem Halbschlaf aufschrecken.
„Verzeiht, darf ich Euch beim Umkleiden helfen?“, frage die Zofe.
Orthoriel wollte schon verneinen, als ihr bewusst wurde, wo sie war und welche Stellung sie inne hatte.
„Ja, gerne, Alluriel. Schön Dich wiederzusehen“, brachte sie freundlich hervor.

„Das hätten wir geschafft.“, lachte Orthoriel, nachdem das kostbare Gewand angelegt war. Ihr blieb das traurige Gesicht von Alluriel nicht verborgen.
„Warum weinst Du Alluriel?“, fragte sie besorgt.
„Es ist nichts, nur die Wiedersehensfreude. Ihr müsst jetzt gegen, Ihr wisst wie ungern ihre Hoheit wartet“, antwortete Alluriel und verbeugte sich so tief, dass es Orthoriel nicht mehr möglich war ihr Gesicht zu erkennen.
„Wir reden später, Alluriel“
„Sehr gern, werte Orthoriel cor Alrisha“, sprach sie in Richtung Boden.

Nachdenklich eilte Orthoriel in den Speisesaal. Es waren nur Vater und Mutter anwesend. Orthoriel nahm ihren Platz ein und nachdem das Essen aufgetragen und die Bediensteten fort waren, ergriff Neadrie das Wort.
„Ich...“, sie blickte zu Elon, „Wir haben beschlossen, dass Du gleich morgen früh abreisen wirst“
Orthoriel saß wie versteinert am Tisch und starrt ungläubig zu ihrem Vater.
„Du hast richtig gehört.“, Neadries Worte wurde härter, „glaubtest Du wirklich, die Druiden des Hofes würden Deine Rufe über die Geistwelt nicht bemerken. Im Schreiben der Akademie wird ausdrücklich auf Deine Fähigkeiten in diesem Bereich hingewiesen. So habe ich kurzerhand Danessor angewiesen auf solche Aktivitäten Deinerseits zu achten und diese im Keim zu ersticken.“
Mutter stach mit ihrer Gabel in eine Tomate und besah sie sich von Nahem, ehe sie fortfuhr,
„meine Geduld mit Dir ist am Ende. Ein Bote ist bereits heute Nachmittag in die Obsidianfeste aufgebrochen, Gadón cor Cariol braucht sich nicht die Mühe zu machen hierher zu kommen. Für Dich ist mir ein Transport mit den Transportrunen zu riskant. Du wirst morgen mit einer Eskorte in die Hafenstadt Zadar im Lande Gimmonae aufbrechen und mit dem Schiff zur Elbeninsel in Taborea reisen. Von dort gelangst Du über die Stadt Varanas zur Obsidianfeste. Richtig, Elon?“
Vater nickte nur stumm, sein Gesicht schien noch trauriger als zuvor und Orthoriel brach es beinahe das Herz, dass es jetzt zwei Elben gab, denen sie Leid zufügte. Was würde Jondalrun von ihr denken?

„Ich habe keinen Hunger, darf ich mich zurückziehen?“, fragte sie leise und niedergeschlagen.
„So sei es, Ihr dürft Euer Gemach aufsuchen!“, kam die eiskalte Antwort von Neadrie.

Völlig erschlagen von den Ereignissen, huschte sie durch die, ihr nur zu gut bekannten Gänge, in ihr Gemach, betrat ihr Zimmer, schloss die Tür und lehnte mit dem Rücken daran. Wieder war es ein Klopfen, dass sie zusammenzucken ließ.
„Ja?“, fragte sie mit fester Stimme
„Ich bin es, werte Orthoriel, Alluriel“, kam flüsternd die Antwort.

Orthoriel öffnete die Tür. Alluriel trat mit einem Tablett voller köstlicher Speisen und Wein ein.
„Ich habe gelauscht“, gab sie kleinlaut zu, „und da Ihr seit heute Mittag nichts gegessen habt, dachte ich mir, ich bringe Euch etwas zur Stärkung für die Nacht.“
Orthoriel lächelte dankbar, „Das weiß ich doch Alluriel, danke“
So machte sie sich über das Abendessen her.
„Es gibt noch etwas“, begann Alluriel stockend.
„Was denn“, fragte Orthoriel kauend.
„Eure Mutter hat die Wachen verstärkt.“, sie holte Luft, „sie glaubt an einen, ähm, Fluchtversuch“
„Gute Idee“, schmatzte Orthoriel, doch als sie das besorgte Gesicht von Alluriel sah, bemerkte sie schnell, „nein, ich bleibe, keine Sorge“
Offensichtlich erleichtert ließ sich Alluriel auf einen Stuhl fallen.
„Es tut mir leid“, begann sie leise.
„Muss es nicht, liebe Alluriel“, kaute Orthoriel, „der Weg nach Zadar im Lande Gimmonae ist weit, da gibt es genügend Möglichkeiten für, Du weißt schon“
„Oh!“, mehr brachte die erstaunte Alluriel nicht hervor.
„Was schaust Du so, klebt mir Essen im Gesicht“
„Nein, das nicht“, stotterte Alluriel, „es ist nur, also ihr ward lange nicht anwesend. Also ...“
„Ja!“, drängte Orthoriel.
„Also, das Portal hier in Alrisha, es wurde wieder aktiviert.“
„Was!“, prustete Orthoriel, Stückchen vom Fleisch, das sie gerade aß, flogen über den Tisch.
„Ja, seit zwei Monaten ist es wieder aktiv.“, antwortete Alluriel kleinlaut.

Kreidebleich ließ Orthoriel ihre Gabel sinken und starrte Alluriel an. Vor ihrem geistigen Auge sah sie die Landkarten vor sich. Alrisha oben im Nordosten von Hilos und Zadar ebenfalls im Nordosten, allerdings im Land Gimmonae, viele Meilen gen Süden entfernt.

„Dann bin ich also morgen Abend in Zadar“, stellte sie resigniert fest, denn sie wusste, dass das Portal nach Rovigo im Lande Torqay führte. Einer Zwergenstadt, mit der Alrisha einst regen Handel trieb. Da sich die Zwerge aber auf die Seite der Menschen schlugen, war das Portal versiegelt worden. So hatten sich die Fronten also wieder verschoben.

Alluriel weinte fast, als sie wieder das Wort ergriff, „Nein“
„Wie, nein?“, hauchte Orthoriel.
„Es besteht jetzt eine direkte Verbindung nach Zadar“, Alluriel weinte mehr, als dass sie sprach.

Außerstande etwas zu sagen saß Orthoriel vor ihrem Abendessen und starrte geradewegs durch Alluriel hindurch. Die schien Orthoriels Gedanken erfasst zu haben und sprach leise,
„Ja, es ist eine Menschenstadt, doch dort leben zur Zeit mehr Elben als Menschen. Zadar wurde mehrfach überfallen. Der Herzog von Zadar öffnete das Portal und seine Vorhut staunte nicht schlecht, als sie quasi vor unseren Toren stand. Eurem Vater haben wir es zu verdanken, dass es keinen Kampf gab. Es gibt sogar ein Abkommen mit den Zadarnern und Euer Vater sandte eine Legion zur Verstärkung der Menschentruppen. Ihr könnt Euch vorstellen, wie Eure Mutter reagierte.“

Orthoriel nickte nur, Tränen standen in ihren Augen.
„Ich werde mich jetzt hinlegen“, brachte sich schluchzend hervor.
„Wenn Ihr mich braucht, ich bin“, Alluriel schüttelte den Kopf, „wo ich immer bin, nebenan“.
Mit einem gezwungenen Lächeln verabschiedete sich sich von Orthoriel.
Verzweifelt legte sich Orthoriel auf ihr Bett und zermarterte sich das Gehirn, wie sie entkommen konnte. Bis zum Morgen war ihr nichts eingefallen. So musste sie wohl oder übel mit dem Trupp in Richtung Portal aufbrechen. Vater begleitete sie.

Rasch war das Portal außerhalb der Stadt erreicht. Ein riesiger Granitrahmen, der am Waldrand stand. Die Luft im Rahmen flimmerte seltsam. Orthoriel hatte nie ein aktives Tor gesehen. Vater umarmte sie und Orthoriel hoffte auf ein Wunder. Doch es geschah keins.
„Es wird Zeit meine Tochter“, flüsterte Elon und reichte ihr ein kleines in Pergament gewickeltes Päckchen, nicht größer als ein Buch. „Mach es erst auf dem Schiff auf“, ein mühsames Lächeln zeichnete sich auf seinem Gesicht ab.
Noch einmal umklammerte Orthoriel ihren Vater. Elon nickte dem Hauptmann der Wache zu und die ersten 20 Elben traten durch das Tor.
„Jetzt ist es an Dir, Orthoriel“, brachte Elon schwer über die Lippen, „denke immer an Deine Herkunft“
„Ada! Cuio vae“, brachte sie unter heftigem Schluchzen hervor und trat in das wabernde Licht des Tores.
„Cuio vae, lebe wohl, meine Tochter“, doch Orthoriel hatte das Portal bereits durchschritten.

Leicht benommen trat Orthoriel aus dem Portal und stand auf dem Stadtplatz von Zadar. Der Herzog begrüßte sie persönlich. Der Etikette entsprechend verneigte sich Orthoriel und brachte die auswendig gelernten Worte, „Seid gegrüßt, Herzog Avenar“ über die Lippen.
Ein Dolmetscher half bei der weiteren kurzen Konversation auf dem Weg zum Hafen, die Orthoriel auf dem Wagen des Herzog zurücklegte.

Schon war der Kai erreicht und Orthoriel verabschiedete sich von dem Menschen, der gar nicht so grausam wirkte wie in den Geschichten, die sie gehört hatte. Avenar war höflich und gesittet, kein ewiger Krieger, der allen Elben an den Kragen wollte.
Jetzt war es auch an der Zeit, sich von der Elbengarde zu verabschieden. Orthoriel dankte dem Hauptmann und dem Trupp für das sichere Geleit. Letztendlich verabschiedete sie sich vom Dolmetscher.
„Ich sollte Euch eigentlich auf der Reise zu Pferd die Menschensprache beibringen“, bemerkte der Dolmetscher entschuldigend, „doch die Pläne der Herzogin änderten sich leider.“
„Habt vielen, vielen Dank, Enbenor“, sprach sie aufrichtig, „Ich komme schon klar“

Sie betrat vorsichtig das schwankende Schiff der Menschen und winkte den Zurückbleibenden. Der Kapitän, ein kleiner dicker Mann mit freundlichem Gesicht, begrüßte sie herzlich und aufrichtig.
„Seid willkommen an Bord, werte Orthoriel cor Alrisha“, sprach er mit einer Verbeugung.
„Ich empfange Freude, in Eurem Schiff stecken zu dürfen, verehrter Remas we Consive“, antwortete Orthoriel und als sich ein Lächeln auf dem rundlichen und sonnengebräunten Gesicht des Kapitäns abzeichnete, war sie sich sicher, dass er sie verstanden hatte. Sie wurde von Remas zu ihrer Kabine begleitete.

„Endlich allein“, stöhnte sie und riss Vaters Geschenk auf. „Ein Buch über die Menschensprache? Ach Vater, wenn ich Dich nicht hätte“.

Die Überfahrt dauerte lange. Orthoriel nutzte die Zeit, las und lernte aus Vaters Buch und als sie die Elbeninsel erreichten, konnte sie sich schon mit einfachen Worten mit dem Kapitän und der Crew unterhalten. Doch die Mannschaft war mehr von ihrem Gesang begeistert als von den Fortschritten ihrer Sprachkenntnisse. Oft hörten sie gebannt ihrem Gesang zur Laute zu, dessen Text sie nicht verstanden. Einige der Matrosen konnten bald den eigenartigen Refrain mitsingen

Time floats on
As I write these letters
That you'll never see

Still each one's gone
Placed in a bottle
So tides they might follow
And somehow find their way to thee


Doch endlich war die Insel der Elben erreicht und Orthoriel verabschiedete sich vom Kapitän und der Crew, die sie im Laufe der Reise lieb gewonnen hatte.

Die Elben der Insel waren sehr distanziert und Orthoriel war erleichtert, als sie endlich den Schlachtenplatz der Obsidianfeste erreicht hatte. Jetzt musste sie „nur“ noch Gadón finden.
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Re: Orthoriel cor Alrisha und Jondalrun cor Zibal

Beitragvon Tirah » 11.02.2011 21:26

Jondalrun cor Zibal

Die Suche nach Orthoriel



„Was soll ich tun, Golwenor? Wo soll ich sie suchen? Ich kann doch schlecht nach Alrisha reisen und ganz offiziell um Orthoriels Hand anhalten. Oder meinst du, ich sollte genau das tun? Was für ein Notfall kann so dringend sein, daß sie sich nicht einmal verabschieden konnte? Vielleicht will sie mich ja auch gar nicht mehr, vielleicht hat sie irgendwelche Gerüchte gehört, die gar nicht stimmen. Und jetzt ist sie abgereist und…“ Seit mehr als zwei Stunden saß Jondalrun im Arbeitszimmer seines Bruders und lamentierte über sein Schicksal, während Golwenor irgendwelche Versuchsreihen durchführte, zuhörte und ab und zu die Augen verdrehte, wenn Jondalrun nicht hinsah. Schließlich reichte es ihm und er wollte Jondalrun schon sagen, er solle sich endlich zusammenreißen.
Als er seinen kleinen Bruder jedoch wie ein Häufchen Elend auf der Stuhlkante sitzen sah, biß er sich auf die Zunge und sagte sanft: „Wenn sie keine Nachricht hinterlassen hat, wird das seinen Grund haben. Hab Vertrauen, Jondalrun. Nach Alrisha zu reisen, wäre allerdings die wohl schlechteste Idee, Iorthen sagte, daß Orthoriels Mutter Haare auf den Zähnen hat. Neadrie cor Alrisha soll eine ziemliche Hexe sein und nach allem, was man so hört, nimmt sie diese verfluchte Familienfehde noch ernster als unser Vater, wenn das überhaupt möglich ist.“ Er seufzte und schüttelte den Kopf. „Ausgerechnet in eine cor Alrisha mußtest du dich verlieben! Man soll es nicht für möglich halten. Wann hast du eigentlich ihren Nachnamen herausgefunden, bevor oder nachdem es ernst wurde zwischen euch?“
„Ich wußte ihn gar nicht, darüber haben wir nie gesprochen. Ich habe ihren Namen das erste mal heute nachmittag gehört.“ Er blickte zu Boden.
„Ja, nachdem du Aeglossen beschuldigt hast, er hätte Orthoriel verschwinden lassen und die Sache mit dem Rückruf nach Hause sei nur eine Finte.“ Golwenor musterte Jondalrun vorwurfsvoll, konnte jedoch nicht ernst bleiben und begann zu lachen. „Bei den Göttern, ich hätte zu gerne Aeglossons Gesicht gesehen in dem Moment! Du hast ihm ja schon einiges vorgeworfen, aber diesmal hast du dich selbst übertroffen.“
„Ja, sehr komisch“, brummte Jondalrun. „So komisch, daß er mich dafür vom Hofe verwiesen hat. Kannst du mir bitte sagen, wie ich das Vater beibringen soll? ’Ohne Abschlußprüfung des königlichen Hofes verwiesen aufgrund der unerlaubten Beziehung zu einer Mitschülerin.’ Und diese Mitschülerin ist auch noch ganz zufällig aus dem Hause cor Alrisha. Meinst du wirklich, er glaubt mir auch nur eine Sekunde lang, daß ich nichts davon wußte?“
Golwenor grinste. „Du könntest natürlich untertauchen. Geh in den Düsterwald und werde ein Einsiedler. Lebe von den Früchten des Waldes und kleide dich in Moos und Laub…“ Lachend ging er in Deckung, bevor der von Jondalrun geworfene Tintenlöscher ihn treffen konnte.

Jondalrun war gerade auf dem Weg in seine Kammer, als ein Bote ihn zu Iorthen bat. Er seufzte, so langsam war er diese wahnwitzige Geschichte mit dem Fuchs leid. Iorthen hingegen fand einen „Geisterfuchs“ überaus faszinierend und so viel Jondalrun ihm auch über Schlitzohr erzählte, war es doch nie genug für den alten Druiden. Als er eintrat, musterte Iorthen ihn scharf. „Da habt Ihr es also endlich geschafft, Aeglosson genug zu verärgern, junger Hitzkopf? Warum seid Ihr nicht gleich zu mir gekommen? Nein, Ihr mußtet ja noch Feuer an das Pulverfaß legen! Als ob Aeglosson nicht schon aufgebracht genug gewesen wäre. Erst muß er befürchten, daß ihm seine vielversprechendste Bewahrerin von Farbensehern aufgefressen wurde und als er sie endlich wiedergefunden hat, wird sie von einer alten Hexe weggezaubert. Und dann kommt Ihr und gießt mit Euren Vorwürfen auch noch Öl ins Feuer. Kein Wunder, daß er explodiert ist, Ihr habt Glück, daß Euer Kopf noch auf den Schultern sitzt.“
„Alte Hexe…?“ konnte Jondalrun nur noch lahm entgegnen.
„Neadrie natürlich, wer sonst. Sagt bloß, Ihr habt noch nichts vom Ruf der furchteinflößenden Neadrie cor Alrisha gehört? Das ist keine Frau, das ist eine… ach, lassen wir das! Glaubt mir, die wollt Ihr nicht zur Schwiegermutter haben.“
Jondalrun wurde blaß und tastete nach dem nächsten Stuhl. „Sie hat Orthoriel nach Hause gerufen. Was, wenn sie jetzt in Gefahr ist?“
„Neadrie? Wieso sollte sie… ach so, Ihr meint Orthoriel. Keine Sorge, das Mädel weiß sich schon zu helfen, an Starrsinn steht die ihrer Mutter in nichts nach. Wenigstens kommt sie ansonsten mehr nach ihrem Vater“, brummte er. „Jammerschade, daß Ihr gehen müßt, mein junger Freund, dabei stehen wir noch ganz am Anfang, was Euren Fuchs angeht. Nach allem, was ich herausgefunden habe, ist der Fuchs immer noch mit Euch verbunden, daran hat sich nichts geändert. Wahrscheinlich werdet Ihr ihn ab und zu noch zu sehen bekommen, vielleicht in Zeiten der Gefahr. Sollte er Euch erscheinen, seid also gewarnt. Der Fuchs will nur Euer Bestes und will Euch immer noch beschützen, wo es ihm nur möglich ist. Ich gehe davon aus, daß nur Ihr und Eure Familie ihn sehen könnt. Na, und Orthoriel, aus offensichtlichen Gründen. Ich möchte, daß Ihr mir sofort schreibt, wenn der Fuchs Euch erscheint! In allen Einzelheiten: Datum, Tageszeit, Wetter, Umstände. Einfach alles ist wichtig, versteht Ihr?“
„Soll ich auch aufschreiben, was ich gegessen habe?“
„Werdet nicht frech! Noch nie wurde ein Fall so gut dokumentiert wie der Eure, da dürfen wir jetzt nicht schlampen. Nur, weil Ihr Hitzkopf es geschafft habt, des Hofes verwiesen zu werden.“ Iorthen schüttelte den Kopf. „Jammerschade, wirklich. Aber wer weiß, wozu es gut ist, wahrscheinlich werdet Ihr den Fuchs jetzt sehr viel öfter zu sehen bekommen als vorher.“
„Wie beruhigend“, konnte Jondalrun nur trocken erwidern.

Es war fast Mitternacht, als er in seine Kammer zurückkehrte und sofort sah er die Schriftrolle auf seinem Kopfkissen. Als er das Siegel seines Vaters sah, stöhnte er auf, auch das noch! Der Inhalt war kurz und prägnant: „Nach Hause! Sofort!“
’Vielen Dank auch, Vater’, dachte er. ’Es geht doch nichts über ein wenig Mitgefühl und familiäres Verständnis.’
Wütend warf er die Schriftrolle auf das Bett und stopfte seine Sachen in einen Beutel. Wohin auch immer er gehen würde, nach Hause gewiß nicht. Er brauchte einen Plan, um Orthoriel zu befreien. Wenn ihre Mutter tatsächlich so schlimm war… Erst einmal brauchte er einen sicheren Platz und dann würde sich auch ein Weg finden, Orthoriel zu retten. Wenn sie sich wenigstens über die Geistwelt melden würde! Aber so oft er auch innehielt und in sich hineinhorchte, fand er nur Stille.

Der Morgen graute, als Jondalrun die Hauptstadt hinter sich ließ. Statt des Weges nach Zibal schlug er die entgegengesetzte Richtung ein und erreichte zwei Tage später die kleine Stadt Sirrah. Idyllisch war es hier am Rande des Düsterwaldes, vor allem jedoch wußte er, daß seine Tante Muissel ihn mit offenen Armen empfangen würde, die Schwester seiner Mutter war ihm immer schon zugetan gewesen.
„Jondalrun, mein Junge! Wie schön, Dich zu sehen“, begrüßte ihn Faeldir, Muissels Ehemann. Es hatte in der Familie einiges an Widerständen gegeben, als Muissel in die völlig verarmte Familie La’thonai einheiratete, wer also sollte ihn besser verstehen als die beiden?
Er bekam das beste Gästezimmer und ruhig hörten sich Muissel und Faeldir seine Sorgen an. Faeldir wiegte nachdenklich den Kopf. „Deinem Vater wird es schwerfallen, eine cor Alrisha als Schwiegertochter zu akzeptieren. Er ist sehr traditionsbewußt und hat diese alte Familienfehde nicht vergessen. Du wirst ihn kaum überzeugen können. Tatsächlich wage ich zu behaupten, daß er dich kaum vom Anwesen lassen wird, wenn du erst einmal wieder in Zibal bist.“
Jondalrun schnaubte. „Ich bin kein kleiner Junge mehr, Onkel Faeldir! Er kann mir schlecht den Hintern versohlen und mich in meinem Zimmer einsperren.“
Faeldir hob die Augenbraue und Muissel schmunzelte. „Du magst zwar keine fünfzig mehr sein, aber wie fünfhundert benimmst du dich auch nicht. Du kannst deinem Vater nicht ewig aus dem Weg gehen und du kannst auch kaum das Anwesen der cor Alrishas stürmen und mit gezogenem Schwert und in schimmernder Rüstung die Freilassung des Mädchens fordern.“

Jondalrun schluckte und Tränen schimmerten in seinen Augen. „Wenn Orthoriel etwas zustößt, dann…“
Muissel strich ihm begütigend über das Haar. „Ich habe von Neadrie cor Alrisha gehört. Sie mag zwar Haare auf den Zähnen haben, aber sie ist keine schlechte Mutter. Ihrer eigenen Tochter würde sie niemals etwas antun. Ich werde an sie schreiben und mich nach Orthoriel erkundigen. Du erinnerst dich doch noch an unsere Tochter Tinnuriel? Sie ging vor einiger Zeit nach Taborea…“ Muissel schluckte schwer.
Jondalrun schwieg, zwar hatte er gehört, daß es einen Skandal gegeben hatte, infolgedessen seine Cousine des Hofes verwiesen worden war, aber er wollte Muissel nicht kränken. Des Hofes verwiesen… schien wohl in der Familie zu liegen.
„Nun,“ nahm Muissel den Faden wieder auf, „ich werde Orthoriel Grüße von Tinnuriel ausrichten und mich bei dieser Gelegenheit tüchtig über ihren mangelnden Gehorsam beklagen. Dann frage ich Neadrie um Rat, ob sie wohl weiß, wie ich Tinnuriel wieder auf den rechten Pfad zurückbringen kann.“ Sie grinste ihren Mann schelmisch an. „Ich hoffe nur, daß Neadrie nicht mehr weiß, daß meine Schwester mit einem cor Zibal verheiratet ist.“

Mehr als einmal war Jondalrun in den folgenden Tagen drauf und dran, seine Sachen zu packen und nach Alrisha zu reiten, doch sein Onkel hielt ihn mit allen möglichen Arbeiten auf Trab, bei denen er angeblich dringend seine Hilfe benötigte.
„Wie bist du eigentlich ohne mich zurechtgekommen? Es ist ja ein Wunder, daß das Anwesen noch steht“, meinte er ironisch zu Faeldir.
Der nickte bedächtig. „Da hast du recht, mein Junge, wie gut, daß du jetzt da bist, nicht wahr?“ Und grinste in sich hinein.
Als schließlich der Bote mit Neadries Antwort aus Alrisha eintraf, war Jondalrun mit seinem Onkel im Wald. ’Den Baumbestand auf Schädlinge prüfen“ hatte sein Onkel es genannt und Jondalrun hatte in sich hineingeseufzt. Tatsächlich war es aber gar nicht so schlimm, denn die Sonne schien und sein Onkel suchte im Wald eine sonnenbeschienene Lichtung. Sie setzten sich ins Moos und Faeldir zog verschmitzt lächelnd eine Flasche mit Selbstgebranntem aus der Tasche.
Bei ihrer Rückkehr erwartete Muissel sie am gedeckten Teetisch, neben sich eine Schriftrolle. Jondalruns Herz tat einen Satz.
„Es tut mir leid, Jondalrun“, begann seine Tante mit fester Stimme, „aber du solltest deine Cousine Tinnuriel aufsuchen. Sie lebt in Taborea, in einer Stadt namens ’Obsidianfeste’.“
Bleich setzte sich Jondalrun. „Das ist eine Nachricht von Neadrie, nicht wahr? Orthoriel… ihr ist etwas zugestoßen, nehme ich an.“
Muissel schüttelte erschrocken den Kopf. „Nein,…“ doch Jondalrun unterbrach sie.
„Nicht? Nun, dann haben sie sie also schon still und heimlich verheiratet. Ich muß schon sagen, Neadrie hat keine Zeit verloren, sie wird ihrem schlechten Ruf gerecht.“
„Es ist nicht…“ setzte Muissel erneut an und wieder unterbrach sie Jondalrun.
„Ist es nicht? Du willst mir doch nicht erzählen, ich solle so weit reisen, nur um Tinnuriel einen Höflichkeitsbesuch abzustatten. Noch dazu, wo…“
Hilfesuchend schaute Muissel zu ihrem Mann und der polterte in bestem Kommandoton: „Ruhe jetzt! Sei still und benimm dich einmal, wie es sich gehört. Erweise deiner Tante Respekt und höre sie an!“
Böse schaute Jondalrun ihn an, schwieg aber.
„Also,“ fuhr Muissel ruhig fort. „Neadrie hat die alte Familienfehde ebensowenig vergessen wie dein Vater und sie will um keinen Preis, daß Orthoriel ein Mitglied der Familie cor Zibal heiratet. Glücklicherweise ist es ihrer Aufmerksamkeit entgangen, daß du mein Neffe bist. Sie hat mich wegen Tinnuriels Aufsässigkeit bedauert und mir ihre Bewunderung dafür ausgesprochen, daß wir sie ins Reich der Menschen verbannt haben, wo sie keinen Schaden anrichten kann.“
„Also, das ist doch…!“ fuhr Faeldir auf und Muissel schaute ihn traurig an. „Es war nicht unser Wille, daß Tinnuriel ging, die Umstände haben es so mit sich gebracht. Jedenfalls hat Neadrie dieser Schritt imponiert, wenn sie ihn auch falsch verstanden hat. Sie hat Orthoriel jedenfalls auch nach Taborea geschickt. Deshalb sollst du dorthin reisen, Jondalrun, nur deshalb! Tinnuriel kann dir sicher helfen, Orthoriel zu finden, so viele Elben wird es zwischen all den Menschen ja nicht geben.“
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- Die Obsidianwächter -

Beitragvon Lyros » 13.02.2011 20:44

Orthoriel cor Alrisha

- Die Obsidianwächter -



Die Obsidianfeste wirkte auf Orthoriel schroff und abweisend. Den restlichen Vormittag verbrachte sie mit dem Erkunden der Stadt. Im Händlerviertel kaufte sie sich ihr Mittagessen und lief kauend und schmatzend zurück zum Glorienplatz.

Neugierig beobachtete sie das geschäftige Treiben im Auktionshaus und ehe sie sich versah, stand sie vor Lajos Halka, besser gesagt, sie rempelte einen Posten der Garde an.

„Passt doch auf“, zischte der Ritter.

„Verzeiht, bitte, diese riesigen Wandbilder haben mich abgelenkt“, entschuldigte sich Orthoriel, „Wer ist denn der Mensch dort vorne?“

Die Wache reihte sich wieder ein.

„Das ist Lajos Halka“, er musterte die Elbe und versuchte es einfach auszudrücken, „Der Herrscher hier!“

„Oh je, verzeiht bitte“, flüsterte Orthoriel und schlich sich wieder in das Auktionshaus.

Wieder auf dem Glorienplatz setzte sie die Suche nach Gadón fort und frug einige Elben, die am Aushang standen und lasen. Von ihnen erfuhr sie, dass Gadón die Taverne „Krähennest“ führte und dass sich dort ebenfalls die Obsidianwächter trafen.

Den Nachmittag verbrachte sie wieder mit der Besichtigung der Stadt. In der Arena fragte sie Karkadesh, „Mae govannen, verzeiht bitte, erklärt mir doch bitte den Sinn dieses Gebäudes.“

„Hier werden Kämpfe ausgetragen.“, war die knappe Antwort.

„Menschen kämpfen hier gegen Ungeheuer?“, frage Orthoriel verwirrt.

„Nein, hier kämpfen Menschen gegen Menschen!“, schnaubte Karkadesh mürrisch.

„Rim hannad!“, bedankte sich Orthoriel und machte auf dem Absatz kehrt. Im Tunnel zum Söldnerplatz murmelte sie noch „Barbaren“, was Karkadesh allerdings nicht mehr hörte.

„Er fürchtet sich“, ging es ihr noch durch den Kopf.

Der Abend brach herein, doch die Menschenmengen wurden nicht geringer. Selbst Nachts war einiges auf der Straße los.

Eine Frau saß bereits in der Taverne und trank etwas.

Sie begrüßten sich und die Frau bemerkte, „Ihr seid Orthoriel, nicht wahr?“

Überrascht blickte Orthoriel zur Frau und überlegte, was hatte Vater geschrieben? Der Tribun bestand aus Gadón, Tinnuriel und Aydee. Tinnuriel ist eine Elbe, also musste das Aydee sein, wer sonst sollte von ihrer Anreise wissen.

„Ähm, Ihr seid Aydee?“, fragte sie vorsichtig.

„Nein mein Name ist Katíe, ich gehöre auch den Obsidianwächtern an“, entgegnete die Frau freundlich.

Ein weiterer Mensch betrat die Taverne, begrüßte Katíe und Orthoriel und setzte sich neben Katíe auf die Bank. Sie schienen ein Paar zu sein.

„Sucht Ihr nicht nach Eurem Onkel, Gadón? Er ist doch Euer Onkel?“, fragte Katíe während der Mann sich als Feivel vorstellte.

„Ja - nein, also ja ich, suche Gadón cor Cariol, er ist ein Freund meines Vaters.“, stotterte sie.

Es fiel er schwer die Menschensprache richtig anzuwenden, trotz der Übungen auf dem Schiff.

Schon betrat die nächste Person, eine Elbe, die Taverne und Orthoriel freute sich darüber.

Es stellte sich heraus, dass es sich um Tinnuriel handelte und von ihr erfuhren sie, dass Gadon nach Varanas gereist war, um Orthoriel zu finden. Orthoriel wurde heiß und kalt zu gleich. Der Anführer der Obsidianwächter machte sich auf die Suche nach ihr und sie saß bereits in der Taverne. Dann machte Tinnuriel den Vorschlag, über die Gildenrune mit Gadón zu sprechen. Orthoriel beobachtete, wie Tinnuriel eine Rune in den Hand nahm und sprach. Nach einigen Minuten kam die Antwort von Gadón.

„WIE BITTE? Diese Göre ist in der Feste und ich suche hier wie dumm?“, klang er erbost aus der Rune.

Orthoriel sah sich bereits auf dem Heimweg. Die Wartezeit schien unendlich. Doch dann erschien er in der Tür der Taverne. Grimmig begrüßt er alle und knöpfte sich Orthoriel vor.

„Mae govannen“, sagte Orthoriel und fragte leise, „Gadón cor Cariol?“

„JA, sehr wohl! Gadón, der der Euch überall gesucht hat und Ihr nippt hier am Wein! Ich sollte Euch sofort wieder nach Alrisha schicken, bei Doron!“

„Bitte werter Gadón cor Cariol, ich suchte Euch doch selber.“, versuchte sie sich zu verteidigen.

Berührt durch das Häufen Elend vor ihm, hellt sich seine Miene etwas auf, „Ich gab Eurem Vater ein Versprechen und das werde ich halten.“

„Rim hannad, werter Gadón Donar cor Cariol“, brachte sie erleichtert hervor.

„Sprecht hier die Sprache, die alle verstehen. Ihr werdet zur Probe als Rekrut aufgenommen, dann wird der Rat entscheiden. Und ich sage Euch, meine Stimme müsst Ihr Euch hart erkämpfen.“, entgegnete Gadón im strengen Tonfall.

Nachdem Gadón zur Theke gegangen war, setzte sie sich an den Tisch und überlegte, wie sie die Gunst von Gadón wiedergewinnen konnte.

Später am Abend unterschrieb Orthoriel den Vertrag zum Beitritt in den Orden der Obsidianwächter und bekam ihre eigene Rune. Anschließend wies Gadón sie an, sich in der Burg einzuquartieren, so wie es sich für die Rekruten gehört.

Endlich wieder an der frischen Luft atmete Orthoriel tief durch. Sollte sie jetzt weinen oder sich freuen? Auf alle Fälle brauchte sie keine Miete mehr zu zahlen. „Wenigstens etwas Gutes“, dachte sie, denn ihr Goldvorrat war bereits sehr geschwunden.
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- Die Obsidianfeste (1) -

Beitragvon Lyros » 19.02.2011 22:32

Orthoriel cor Alrisha


- Die Obsidianfeste (1) -



Orthoriel wollte die Obsidianfeste erkunden und wie es der Zufall wollte begann sie ihre Tour in der Bank der Feste. Neugierig schaute sie sich um, sprach kurz mit dem Personal und machte sich sodann wieder auf den Weg. Ein Korridor erregte ihr Aufmerksamkeit und schon huschte sie hinein.


Zu ihrem Entsetzen musste sie feststellen, dass sie wieder in Lajos Halkas Räumlichkeiten gelangt war. Als dieser sie böse anschaute, machte sie eine tiefe Verbeugung und ging rückwärts in die Bank zurück.


Nun zog sie die Gildenrune hervor und redete laut vor sich hin, „Wie funktioniert denn dieses Ding“, rieb an der Rune und sagte „Hallo?“

Prompt antwortete Katíe und wollte wissen ob sie Hilfe brauchte. Orthoriel verneinte, denn sie suchte nur jemanden, der ihr die Stadt zeigte und erklärte. Da aber keiner der Wächter in der Feste war, machte sie sich auf eigene Faust auf Entdeckungstour. Mit einer säuerlichen Miene schritt sie aus der Bank auf den Glorienplatz, murmelte noch „sehr hilfreich sind sie nicht, diese Wächter.“ und verstaute die Rune im Rucksack.


Als nächstes besuchte sie den Handwerksplatz und sprach mit Brandt Kearcher, Yance Long und Josie Akesh über den An- und Abbau von Materialien für die Alchemie. Josi Akesh konnte nur erwähnen, dass Holz für den Alchemieofen benötigt wird. Orthoriel bestätigte ihr, dass ohne Feuer die besten Alchemiekenntnisse brach liegen würden. Für Menschen waren die Drei ganz nett. Brandt Kearcher gabt ihr den Tipp, auch einmal den Laden von Myer Madison zu besuchen. Dort würde sie sicher noch einige Rezepte finden.


Myer Madison war sehr nett und die beiden machten einige Witze über Liebestränke und Gifte für böse Schwiegermütter. Orthoriel verabschiedete sich und hatte draußen auf der Straße immer noch ein Grinsen im Gesicht.


Ihre nächste Station war Mais Deveraus, die Koch-Ausbildering der Feste. Der Aufenthalt währte nur kurz, denn als Orthoriel die Halle betrat, machte sich Mais gerade daran ein Kaninchen zu schlachten. „Nein“, schrie Orthoriel und Mais hieb mit ihrem Beil daneben. Zu einem überhöhten Preis kaufte Orthoriel ihr das dicke Kaninchen ab, verließt die Halle und gab dem Kaninchen den Namen Lavan. Fröhlich pfeifend, aber schnellen Schrittes, verließ sie den Marktplatz des Handwerksviertels.


Sie winkte Maya, der Transporteurin, zu. Mit ihr hatte Orthoriels bereits über die Teleportation diskutiert. Doch Orthoriel wollte den Argumenten für das Reisen als Atomteilchen, wie Maya es nannte nicht recht trauen. Nur in dringenden Fällen oder wenn die Distanz zu groß war, nahm Orthoriel den Dienst der Transporteure in Anspruch.


Ihren Gang durch das Handwerksviertel beendete sie mit einem Gespräch beim Rüstungsmacher Dortei Yman, der ihr noch einige Hinweise für die Lederverarbeitung gab. Er zeigte ihr einige sehr schöne Rüstungen, doch Orthoriel konnte den geforderten Preis nicht zahlen. Selbst nachdem Dortrei einen Rabatt gewährte, konnte Orthoriel nur dankend ablehnen. Versicherte aber, dass sie noch einige offene Aufträge hatte und mit dem Entgelt sofort zurückkehren würde.


Für heute nahm sie sich allerdings frei, setzte sich auf die Treppe am Glorienplatz und schaute dem geschäftigen Treiben zu.

„Wo mag Jondalrun wohl stecken“, wischte den Gedanken aber schnell beiseite und spielte ein wenig auf ihrer Laute.
Tearl denkt in den Menschen, träumt in den Dichern und schläft in den übrigen Wesen.
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Phantasie ist wichtiger als Wissen, denn Wissen ist begrenzt (Albert Einstein)
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Haben sie keine Angst vor Bücher! Ungelesen sind sie ungefährlich.
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